Film

„Ich habe eine Wassermelone getragen“

Alles symbolisch: Eigentlich sei „Dirty Dancing“ hochfeministisch, sagt ein Buch zum Jubiläum

Wollen Sie eine Frau im Alter zwischen 30 bis sagen wir 45 Jahren spontan zu einer extrem emotionalen Reaktion bringen? Sagen Sie ihr folgenden Satz: „Ich habe eine Wassermelone getragen.“ Mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent bricht die so Angesprochene in Kreischen aus. Zum Jubiläum des Kultfilms erklärt ein Buch die tiefere Symbolik der auf den ersten Blick teilweise belanglosen Sätze.

Im Oktober 1987 kam „Dirty Dancing“, der Film, aus dem der Wassermelonen-Satz stammt, in die deutschen Kinos. Der Plot klingt einfach: Ein braves New Yorker Mädchen verliebt sich einen wilden Tänzer aus dem falschen Viertel. Und kriegt ihn. 43 Studios lehnten das Drehbuch von Eleanor Bergstein ab. Heute, 25 Jahre später, hat „Dirty Dancing“ seine Wirkung nicht verloren. Hinter Schlüsselsätzen wie „Ich habe eine Wassermelone getragen“, die ersten Worte, die Frances „Baby“ Houseman an den gnadenlos sexy aussehenden Tanzlehrer Johnny Castle richtet, verbirgt sich für viele Fans eine ganze Welt. In der „Dirty Dancing“-Generation steht der Satz für all den Blödsinn, den man im ersten Moment verliebter Schwäche vor sich hinstammelt. Wer auf „Dirty Dancing“ steht, der war jahrelang im Verdacht, seichte Girlie-Schmonzetten zu lieben. Doch zum Jubiläum von „Dirty Dancing“ rettet die Journalistin Hannah Pilarczyk seine Ehre. Sie hat einen Band herausgegeben, der wunderbare Erklärungen liefert, warum es sich bei dem Teenie-Tanzfilm eigentlich um einen hochpolitischen und vor allem um einen feministischen Film handelt. In neun Aufsätzen zeigt „Ich hatte die Zeit meines Lebens“ (Verbrecher Verlag), warum die Filmkritik das Werk ernst nehmen sollte. Natürlich wird die Wassermelonen-Szene gleich von mehreren gedeutet. Besonders intensiv von der Medienwissenschaftlerin Astrid Kusser. Sie sieht in der Melone ein „Ersatzobjekt“. Wassermelonen waren billige Nahrungsmittel, die in der amerikanischen Kultur mit Afroamerikanern verbunden waren. Rassismus, so die These, spielt unterschwellig auch in der Liebe von Johnny und Baby eine Rolle. Auch der jüdische Hintergrund der Heldin spielte bislang in der Betrachtung des Films kaum eine Rolle. Hier schafft Pilarczyks Buch Abhilfe. Caspar Battegay macht auf eine Szene aufmerksam, die nur in der DVD-Fassung von 2007 zu finden ist. Dort sprechen zwei der Figuren Jiddisch. Ausgehend von dieser Szene, untersucht Battegay, inwieweit „Dirty Dancing“ auch den Aufbruch bürgerlicher New Yorker Juden darstellt. Die Kids, so heißt es im Film, wollen nicht länger Ferien wie Baby machen, mit den Eltern in ein Resort fahren.

Sie wollen selbstständig sein. Sie wollen sich mischen. Bei der Vorstellung von „Ich hatte die Zeit meines Lebens“ zeigte sich, dass die Beschäftigung mit „Dirty Dancing“ noch viele spannende Erkenntnisse verspricht. Zum Beispiel die These der Kulturwissenschaftlerin Kirsten Rießelmann. Sie erklärt nämlich, die Tanzfigur, mit der Johnny „sein“ Baby am Ende des Films in die Höhe streckt, als Ausdruck einer politischen Idee. „Die große Hebefigur“, so Rießelmann, „ist eine sozialistische Utopie.“ Na, also, von wegen Chick-Flick.