Literatur

Kachelmann schreibt sich die Wut von der Seele

Der Ex-Moderator wettert ausgiebig gegen unfähige Richter, Reporter und rachsüchtige Frauen

Eigentlich sollte das Buch von Jörg und Miriam Kachelmann erst am 22. Oktober erscheinen. Doch dann wäre ja die Frankfurter Buchmesse vorbei gewesen, und mit ihr eine prima Gelegenheit zur Vermarktung. Also jagte der Heyne Verlag das 384-Seiten-Werk flugs zwei Wochen früher hinaus in die Welt. „Recht und Gerechtigkeit – Ein Märchen aus der Provinz“ wurde mit Spannung erwartet, seit der einer Vergewaltigung beklagte Kachelmann nach seinem Freispruch die Aufarbeitung seines Prozesstraumas angekündigt hatte. Sein favorisierter Titel „Mannheim“ ist offenbar bei den Lektoren durchgefallen, womöglich aus Angst, dass das Werk aus Versehen in der Reise-Ecke landen würde. Außerdem wollte Kachelmann nicht mehr allein, sondern zusammen mit seiner während des Prozesses geehelichten dritten Frau an den Zeilen feilen. Wie das Buch zeigt, hat die Psychologiestudentin, die bei Kachelmanns Festnahme am Frankfurter Flughafen dabei war, nicht erst für das Buch zur Feder gegriffen. Sie soll während des Prozesses Dokumente verfasst, Hintergründe recherchiert und sogar die Fragen an die Zeugen entworfen haben, schreibt Kachelmann. Weil sein Anwalt Reinhard Birkenstock kaum mehr agierte, tauschte ihn der Schweizer mitten im Verfahren gegen den zackigen Hamburger Johann Schwenn aus. An Schwenn habe ihm die „hanseatische Helmut-Schmidtigkeit“ gefallen, beschreibt Kachelmann seinen Verteidiger. Gleich im ersten Satz des Buches beweist der frühere Moderator viel Einfühlungsvermögen für sein Publikum. „Oje, nicht schon wieder, werden Sie sagen, nicht schon wieder der Kachelmann.“ Er hat recht. Man hat so viel gehört über den 54-Jährigen und sein Verhältnis zu Frauen, sicher mehr, als viele über ihn wissen wollten. Es stimmt auch, dass neben Fakten viele Lügen verbreitet wurden, frei Erfundenes, bösartig Verdrehtes, falsch Interpretiertes. Wer pikante Details aus dem Leben des Jörg K. sucht, sollte das Buch ohnehin gleich im Laden liegen lassen. Es enthält deutlich mehr Paragrafen, juristische Fachausdrücke, Zitate aus Expertengutachten als Menschlich-Allzumenschliches. Es geht den Kachelmanns vor allem um Kritik an Juristen, die sie für in den Jagdrausch verfallene Nieten halten. Dazu bekommen natürlich noch alle Journalisten mit Ausnahme von „Zeit“-Reporterin Sabine Rückert ihr Fett ab.

Schnoddriger Knast-Humor

Kachelmann hat sich die Wut von der Seele geschrieben und sie mit teilweise deftigen Thesen garniert. So sei bei Vergewaltigungen die „Zahl an Falschbeschuldigungen erschreckend hoch, Experten gehen davon aus, dass eine womöglich deutliche Mehrheit aller Vergewaltigungsanzeigen auf keiner realen Basis beruht“. Entsprechend schlecht fällt das Zeugnis für den Weißen Ring aus, der Opfer von Gewalt berät. Es ist die Rede vom „Opfer-Abo“ jener Frauen, „die immer Opfer sind, selbst wenn sie Täterinnen wurden“, und eine vorgetäuschte Vergewaltigung benutzen, um Männer zu „vernichten“. Dort, wo Kachelmann mit dem ihm eigenen schnoddrigen Humor aus seinem Knastleben erzählt, hat das Buch fast unterhaltsame Züge. Wie er beim Putzdienst rhythmisch durch die Gefängnisflure feudelt, wie er mit Knastbrüdern auf einer Schnellkochplatte Milchreis kocht, wie er jeden Morgen um sieben akribisch die Temperatur abliest, seit er endlich ein Thermometer hat, oder wie er zahllose Kakerlaken in Klopapier eingewickelt in seiner Toilette versenkt. So lassen die Kachelmanns das Verfahren Revue passieren, mit klarer Richtung durch Überschriften wie „Gutachterkriegsgeheul“ und „Lauter Lügen“. Die meisten, ach was, alle Frauen, die etwas für Kachelmann Negatives aussagten, haben natürlich gelogen. Solchen Frauen müsse endlich ein Riegel vorgeschoben werden oder, anders ausgedrückt: „Die Opferindustrie in dieser kranken Form muss weg.“