Fernsehen

„Ich bin der Neue“

Markus Lanz macht aus „Wetten, dass..?“ eine Talkshow. Und lässt genug Platz für eine Berlinerin

Soviel vorweg: Thomas Gottschalk hat einen würdigen Nachfolger gefunden. Es ist allerdings nicht wie angekündigt Markus Lanz. Aber, wie lautet eine der Lieblingsfloskeln des Moderators? – „Davon später mehr.“

Markus Lanz wollte sich nicht in den Vordergrund stellen. „Er wird auch der Versuchung widerstehen, sich zum alleinigen Ereignis zu machen“, hatte Frank Elstner versprochen. Schon nach kurzer Zeit bedauerte man als Zuschauer diesen Vorsatz. Hätte Markus Lanz sich zum alleinigen Ereignis gemacht, so hätte es bei „Wetten, dass..?“ wenigstens einen Star gegeben, der glänzen durfte. So aber fehlte dem Neustart unter dem neuen Moderator trotz aller möglicher Größen aus dem Showgeschäft die Größe.

Dabei hatte es nicht schlecht angefangen: Als kleiner Gag präsentiert sich Markus Lanz in einem Vorfilmchen mit einem schicken Staraufgebot und rennt mit Ralf Schuhmacher, Wladimir Klitschko und Andrea Kiewel durch die Kulissen. Lanz suggeriert die Dynamik, für die er gecastet wurde. Und das Publikum ist pflichtbewusst begeistert, immerhin wurde dieser Abend als „historischer Moment“ angekündigt. Wie gewohnt smart gekleidet, nur diesmal ungewöhnlich tief aufgeknöpft, kann Lanz nur mit Mühe den Applaus unterbrechen um seinen ersten Spruch aufzusagen: „Mein Name ist Markus Lanz, ich bin der Neue.“

Aber dann wird es schwierig. Lanz gibt den Harald Schmidt, und begrüßt mit einer Stand-up-Phase. Keine gute Idee. Die ersten beiden Witze verhaut er. Der beste davon noch: „Düsseldorf hat eine höhere Pelzdichte als Grönland, wo ich gerade war.“ Er selbst sieht seine Lage überraschend früh ein und verspricht: „Das eine oder andere könnte gewaltig in die Hose gehen.“ Ja, damit sollte er recht behalten. Lanz hat man schon oft bewundernswert gewandt und schlagfertig erlebt, doch der Sonnabend ist nicht so ein Tag. Schon nach fünf Minuten erklärt er, da noch lächelnd: „Ich habe das alles so nicht gewollt.“

Aber jede Reue kam zu spät. Die 200. Ausgabe von „Wetten, dass..?“ war gestartet, da musste er jetzt durch. Die Neuigkeiten: Die Stars laufen mit ihren Wettkandidaten ein, wie Fußballer mit den Balljungen. Ein paar Ideen sind von Stefan Raab geklaut: Die Wette zum Beispiel, bei der Lanz selber antritt. Auch die Couch kommt einem vertraut vor. Die stellt sich allerdings schnell als größter GAU raus: Mit ihren blinkenden Apparaturen und Karussellfahrten durch das Studio zieht das Monstrum mehr Aufmerksamkeit auf sich als die Gäste, die darauf wie die Hühner auf der Stange sitzen müssen.

Julian kennt Berliner S-Bahn-Netz

Es sollte nicht mehr nur um Eigenwerbung der Stars, um ihre neuen Platten und ihre neuen Filme gehen, dafür redet Lanz nun in der ersten Talkrunde mit Karl Lagerfeld und Rolando Villazón über Nasenhaare und Pferdeschwänze. Überhaupt macht er aus der Wettshow eine Talkshow. Wer nicht gerade neben ihm sitzt, wie eben Lagerfeld, oder Sylvie und Rafael van der Vaart, der kommt nicht so recht zum Zug. Als Campino oder Wotan Wilke Möhring zwischendurch etwas sagen wollen, das nicht im Skript steht, schaltet die Technik gar nicht schnell genug das Mikro ein. Nur wer nichts sagen will, wie die Wettkandidaten zum Beispiel, der wird zugesendet.

Wenn die Erwachsenen zu verkrampft sind, dann müssen die Kinder ran. Die definitiv schönste Szene war die Wette von Julian Andreas Zude aus Meerbusch bei Düsseldorf. Der zehn Jahre alte Junge hatte sich beim Besuch bei seinen Großeltern in Berlin, für die Ansagen in der S-Bahn begeistert. Und da man ja in Berlin viel Zeit in der S-Bahn verbringen kann, hat er nicht nur alle Linien mit ihren Stationen und Umsteigemöglichkeiten auswendig gelernt, sondern konnte auch perfekt die Ansagestimme imitieren. Mit todernster Miene sagte er an: „Nächste Station Gesundbrunnen“. Cindy aus Marzahn wurde sofort sein Fan. Der Rest des Republik auch.

Leicht hatte Lanz es nicht. Die Erwartungen an ihn waren höher als bei Obama: An diesem Abend sollte Markus Lanz das deutsche Fernsehen retten. Oder besser gesagt, das öffentlich-rechtliche deutsche Fernsehen. Denn für nichts anderes steht „Wetten, dass..?“ momentan. Das letzte ZDF-Flaggschiff, von Frank Elsner 1981 erfunden. Was wäre, wenn Markus Lanz es vergeigt? Wie will dann das ZDF rechtfertigen, dass die Nation das Programm weiterhin mit 1,7 Milliarden Euro Gebührengeld finanziert?

Viel zuzutrauen schien Intendant Thomas Bellut seinem neuen Moderator nicht. Acht Millionen Zuschauer hat sich das ZDF als Quotenziel gesetzt – Thomas Gottschalk hatte in seinen besten Sendungen sogar 20 Millionen. Aber eigentlich war es fast unmöglich, unter zehn Millionen zu bleiben.

Das Thema läuft heiß

Das Thema „Wetten, dass..?“ läuft seit Monaten heiß in den Medien. Für den ersten Abend gab es fast von jeder Zeitung Live-Ticker. Irgendwie interessierte dann doch jeden, ob der Lanz nun „Wetten, dass..?“ den Todesstoß versetzt oder ob er die Sendung neu erfindet. Bei den Twitter-Kommentaren und in den meisten Live Tickern wird munter gespottet. „Ist Campino eingenickt?“ Oder: „Fernsehunterhaltung aus den 60er-Jahren“.

Und? Ist das Öffentlich-rechtliche nach diesem Abend gerettet? Nun ja, es wird eine Gnadenfrist für das neue „Wetten, dass..?“ geben. Aber auch die nur, weil jede Menge Stars dabei waren, die das Privatfernsehen groß gemacht hat. Allen voran Cindy aus Marzahn. Die Berliner Kabarettistin wurde – als neue Assistentin der Show - dann tatsächlich fast so etwas wie ein Ereignis des Abends. Den Platz, der nach dem Weggang von Gottschalk leer geblieben ist, könnte ja in Zukunft Cindy ausfüllen. Sie kann genau das, was eine Wettshow braucht: lustig, spontan und herzlich auf den völligen Wahnsinn dieser abgedrehten Wetten und ihrer Kandidaten eingehen. Und angemessen respektlos mit den Promi-Gästen umgehen. Markus Lanz mag das nicht so recht gelingen. Ihn beeindruckt Berühmtheit zu sehr. Dafür eignet sich Markus Lanz großartig zum Side Kick. Wie einst Michelle. Was wäre so schlimm daran? Das ZDF ist doch modern.