Tiere

Kuscheln mit dem 110-Kilo-Baby

In Südafrika gibt es ein Waisenhaus für Nashörner. Tierschützer ziehen Jungtiere von Hand auf, deren Eltern illegal getötet wurden

Wer mit einem Nashorn in einem Zimmer schlafen will, braucht eine unempfindliche Nase. Die Ausdünstungen des Tieres sind erstaunlich intensiv. „Da kommt viel Gas aus diesem Jungen“, sagt Yolande van der Merwe. Sie lacht, so wie Mütter lachen, die jedes Detail an ihrem Baby mögen. Ja, sagt die 30-Jährige, das sechs Monate alte Nashorn sei wie ein zweites Kind für sie.

Vor Hunger fraß es kiloweise Sand

Die blonde Südafrikanerin hat in den vergangenen Monaten Dutzende Nächte mit „dem Kleinen“, wie sie das 110 Kilogramm schwere Baby-Spitzmaulnashorn nennt, verbracht. Die Tierpflegerin auf der schmalen Liege, davor das Tier unter einer wärmespendenden Infrarotlampe. Viel mehr passt in die winzige Hütte dann auch nicht hinein. Sie haben ihn Manqoba genannt. Das ist Zulu und bedeutet so viel wie: einer, der sich in hoffnungslosen Situationen durchsetzt.

Seit vier Monaten lebt „der Kleine“ nun im ersten Waisenheim für Nashörner der Welt. Es liegt auf dem Gelände des Entabeni Safari Conservancy im Norden von Südafrika. Zwei weitere Jungtiere sind unterwegs. Künftig werden hier unter strengen Sicherheitsvorkehrungen bis zu 25 Jungtiere leben. Der Kleine kam als Erster. Seine Mutter gab keine Milch, er fraß kiloweise Sand und wäre fast daran verendet. Medizinische Notfälle wie dieser sind selten. Zur Regel ist der eigentliche Anlass für das Waisenheim geworden. In keinem Land werden mehr der vom Aussterben bedrohten Tiere gewildert als in Südafrika, wo rund drei Viertel von Afrikas 20.000 Breitmaulnashörnern und 4800 Spitzmaulnashörner leben. Im Jahr 2007 verzeichnete die offizielle Statistik noch 13 illegal getötete Nashörner, eine Zahl, die auf 448 im Jahr 2011 anstieg. Zu Beginn dieses Jahres wurden durchschnittlich fast zwei Nashörner am Tag getötet. Nach Prognosen von Traffic, einer Organisation zum Schutz von bedrohten Tieren, wird bis Ende des Jahres mit 515 getöteten Tieren wohl ein neuer Rekord erreicht.

Aber was passiert mit den Jungtieren? Diese Frage stellte sich der Leiter der Tierstation, Arrie van Deventer, vor rund einem Jahr. Auf einer Nachbarfarm war ein Tier gewildert worden, der Besitzer bat um die Unterstützung des Hubschraubers des Entabeni Safari Conservancy, um das Gelände nach den anderen Tieren abzusuchen. Van Deventer fand ein zweites getötetes Tier. Die Wilderer hatten ihm das Horn abgeschnitten, das auf dem asiatischen Schwarzmarkt mit 40.000 Euro pro Kilogramm ähnlich hohe Erlöse wie Gold erzielt – ein Horn wiegt rund drei bis vier Kilogramm. Daneben lag das Jungtier, mit einem Schuss durch das rechte Auge hingerichtet. Nicht wegen des kleinen Hornansatzes, sondern weil es schlicht bei der blutigen Arbeit gestört hatte. Oft werden die Kleinen am Leben gelassen“, sagt van Deventer, „sie verdursten und verhungern dann elendig. Oder sie werden von Nationalparks großgezogen, die nicht über das Wissen und die Infrastruktur verfügen, um sie auf ein Leben in freier Wildbahn vorzubereiten.“ Van Deventer machte sich auf die Suche nach Helfern. Mit Karen Trendler gewann er eine der weltweit führenden Tierschützerinnen für sein Projekt. Sie hat in den vergangenen Jahrzehnten rund 200 verwaiste Tierbabys großgezogen, darunter viele Nashörner. Und er fing an zu planen, lange bevor die ersten Geldgeber feststanden. In 25 Jahren werden Nashörner nach Angaben von Tierschutzorganisationen ausgestorben sein, wenn sich die derzeitige Entwicklung fortsetzt. Seit Jahrzehnten wird das Horn, dessen Substanz wie bei Fingernägeln fast nur aus dem Eiweiß Keratin besteht, als Teil der traditionellen Medizin eingesetzt. Während in China erfolgreich Aufklärungskampagnen laufen und Schmuggler zu langen Gefängnisstrafen verurteilt wurden, nimmt in Vietnam die Nachfrage noch zu. Die absurd hohe Nachfrage hat den Preis pro Kilogramm Horn auf umgerechnet rund 35.000 Euro schnellen lassen.

So viel wird nicht einmal für Kokain bezahlt. Schon haben sich professionelle Strukturen wie bei Drogenkartellen gebildet. Die Wilderer nutzen Hubschrauber, Spezialgewehre, Nachtsichtgeräte und Satellitentechnik. In Südafrika wurden schon renommierte Tierärzte verhaftet, die mit den Wilderern gemeinsame Sache gemacht hatten. Sicherheit ist ein großes Thema im Entabeni Safari Conservancy. Tierpflegerin van der Merwe fährt mit einem Jeep einen staubigen Weg zu dem rund 200 Quadratmeter großen Waisenheim. Auf dem Dach steht ein bewaffneter Wachmann, auch der Zaun wird 24 Stunden am Tag von Sicherheitspersonal kontrolliert. Hinzu kommen Überwachungskameras und Bewegungsmelder.

Als Nächstes die Elefanten

Das Waisenheim ist teuer. Allein die Anfangsinvestitionen betrugen rund 400.000 Euro. Vier Pflegeräume sowie eine Notfallstation werden zudem bald mit modernen tierärztlichen Maschinen sowie einem Inkubator für Frühgeburten ausgerüstet. Das kleine Team aus acht Mitarbeitern hat Geldgeber gefunden. Besucher eines angrenzenden Nationalparks halfen, eine Bank spendete, dazu lieferte ein Bauunternehmen die Materialien kostenlos.

Van der Merwe will nicht verraten, wie viele Nashörner bis zum Jahresende erwartet werden. Nur so viel: „Wir würden uns natürlich wünschen, dass es nur wenig Bedarf gibt. Das ist aber leider nicht der Fall, wir werden viel zu tun haben.“ Die Tierschützer kämpfen gegen die Zeit.

Schon wird eine andere Tierart ähnlich bedroht. In Ostafrika wird zunehmend Jagd auf Elefanten gemacht, auch die Preise für Elfenbein sind gestiegen. „Wir können die Anlage jederzeit umrüsten“, sagt van der Merwe, „wir werden da nicht einfach zusehen. Weder bei Nashörnern noch bei Elefanten.“ Ihre Stimme zittert manchmal, wenn sie von den Wunden der Tiere erzählt. Auch das lehrt die Natur: Man soll sich nicht mit einer Mutter anlegen, die ihre Kinder verteidigt.