Gewalt

Wenn ein Kind auf Kinder schießt

Aus dem Hinterhalt tötete er 2002 zehn Menschen. Jetzt spricht der „Sniper“ von Washington

Die wohlhabende, friedliche, baumbeschattete Geschäftigkeit unseres Landkreises Montgomery County in Maryland wurde am 3.Oktober 2002 abrupt beendet. Innerhalb von 16 Stunden starben fünf Menschen, zwei Frauen und drei Männer, zwischen 34 und 72 Jahre alt. Erschossen aus dem Nichts, wegen Nichts, von Niemandem, der je gesehen worden wäre, vor Geschäften und auf Parkplätzen, an Haltestellen und Tankstellen, von Scharfschützen niedergestreckt. Wir dachten an al-Qaida; „9/11“ lag ein Jahr zurück. Wir waren noch wund, leicht zu ängstigen, und wir erwarteten das Schlimmste.

Montgomery County, nordwestlich von Washington, wurde über Nacht Sarajevo und blieb es für drei Wochen: Zehn Menschen starben, drei wurden schwer verletzt; der jüngste war 13 Jahre alt. Als die beiden Mörder John Allen Mohammad (42) und Lee Boyd Malvo (17) am Abend des 24.Oktober gefasst wurden, in ihrem Auto an einem Rastplatz schlafend, das Gewehr hinter der Rückbank verborgen, umarmten wir einander, gedachten der Ermordeten, feierten nicht weniger als ein Kriegsende.

Ein Jahr nach der Festnahme wurde den Killern, die keine Reue zeigten, der Prozess gemacht. Wirklich überzeugend klar wurde das Motiv nicht für die Mordserie, die im Februar 2002 an der Westküste, im Staat Washington, begonnen und durch fünf Staaten geführt hatte, bis sie das Dreieck Washington, Virginia und Maryland terrorisierte. Die geschiedene Ehefrau von Mohammad, einem ehemaligen Army-Scharfschützen, lebte in der Hauptstadtregion, hieß es, es gab Streit über das Sorgerecht für die Kinder.

Der Versager in bürgerlichen Berufen plante einen Rachefeldzug gegen „die Gesellschaft“, und er machte einen blutjungen Vagabunden aus Jamaika, der eine Vaterfigur suchte, zum hörigen Mordkomplizen. Lee Boyd Malvo verbrachte Tage auf dem Schießstand, wo er sich in Dutzenden verschiedenen Waffen ausbilden ließ. Er war gelehrig und bald so vertraut mit dem Gewehr eines Scharfschützen, dass er in Montgomery County als kalte „Tötungsmaschine“ funktionierte. So bezeichnet sich Malvo heute, 27 Jahre alt, seit dem Urteil in lebenslanger Haft in einer Einzelzelle in einem Hochsicherheitsgefängnis in den Appalachen Virginias.

Am 30. September widmete die „Washington Post“ dem Rückblick auf die Mordserie zwei ganze Zeitungszeiten und ließ Lee Boyd Malvo in einem dreistündigen Interview im Gefängnis und mehreren Telefonaten über seine „roboterhaften Morde“ reden. Er nennt sein damaliges Ich ein „Monster“ und den „schlimmsten Abschaum auf dem Planeten“. Er habe Leben geraubt ohne jeden Sinn, sagt er. Seine tiefe Reue könne nichts ungeschehen machen, das wisse er wohl.

Der Reporter der „Post“ beschreibt den Häftling als höflich, reflektiert, mit temperamentvoller Gestik – etwa, als er über seinen Schuss auf den 13-jährigen Schüler Iran Brown (der überlebte) sagt: „Man stelle sich vor, ein Kind schießt auf ein Kind!“ und sich die Hand vor die Stirn schlägt. Malvo hat sich mit dem Leben in Einzelhaft arrangiert – eine Stunde am Tag hat er allein Hofgang.

Er betreibt Yoga und Meditation, schreibt Gedichte und zeichnet, er sieht für sich „Chancen überall“. Der Mörder korrespondiert mit Bekannten, darunter einem Mann, der für ihn eine Facebook-Seite unter Lee B. Malvo betreibt und dort um Spenden für Zukäufe im Gefängnis bittet. Mehr Chancen als John Allen Mohammad hat Malvo allemal: Er wurde 2009 mit der Giftspritze hingerichtet.