Unfall

Das Leben danach

Vor knapp zwei Jahren brach sich Samuel Koch bei „Wetten, dass..?“ das Genick, ist seither querschnittsgelähmt. Eine Begegnung im neuen Alltag

– Er ist beinahe lautlos zur Tür hereingerollt. Eben noch haben die Schüler durcheinandergeredet. Doch bei seinem Anblick sind sie verstummt. Die meisten kennen ihn aus dem Fernsehen. Samuel Koch, den Kandidaten aus „Wetten, dass..?“, den Jungen, der mit dem Kopf auf ein Autodach knallte und sich dabei das Genick brach. Sein Körper ist schmal geworden, er verschwindet in einem mächtigen Rollstuhl. Sie haben einen Stuhlkreis für ihn gebildet. Zielsicher navigiert er in die Lücke. Er strahlt eine tiefe innere Ruhe aus. Er lächelt.

Das Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium in Bayreuth ist eine altehrwürdige Lehranstalt aus der Kaiserzeit, eine barocke Orgel nimmt die Hälfte der Aula ein. Die Neuntklässler haben heute hier ihren Projekttag. Es geht um Unfallverhütung, um die Frage „No Risk, No Fun?“ So steht es auf einer Tafel. Doch die Schüler interessieren sich für etwas anderes. Sie wollen wissen, wie es einem geht, den ein Unfall aus der Kurve geschleudert hat. Wie er sich in einem Körper fühlt, der ihm fremd geworden ist, weil er ihn nicht mehr spürt.

Lobbyist als Rollstuhlfahrer

Samuel Koch räuspert sich. „Hallooo erst mal“, sagt er. Es ist kein Fulltimejob, mit seiner Geschichte hausieren zu gehen. Er studiert Schauspiel, das stellt er gleich zu Anfang klar. „Ich habe Semesterferien und deshalb gerade nicht so viel zu tun.“ Er ist als Botschafter der Deutschen Stiftung Querschnittlähmung (DSQ) hier. Es ist ein Ehrenamt, das er gerne angenommen hat. Lobbyist für Rollstuhlfahrer. Vielleicht kann diesen Job kaum einer besser als er. Als er sich das Genick brach, sahen Millionen Menschen zu. Mit seinem Gesicht verbindet sich eine Schlagzeile, ein Schock, eine Welle der Solidarität. Das ermöglicht es ihm, für Leute mit ähnlichem Schicksal zu sprechen, für die sich sonst keiner interessiert. So wurde er zur öffentlichen Person. Das ist Fluch und Segen zugleich. Fremde Leute sprechen ihn jetzt an auf der Straße. Einige reden langsam und betonen jede Silbe, so, als sei er langsam im Kopf. Am meisten aber, sagt er, leide er darunter, dass sich viele auch dann nicht trauten, ihn zu berühren, wenn er dringend Hilfe brauche. Wenn er nach einer abrupten Bremsung vornüber aus dem Rollstuhl kippt, weil ihm die Muskeln fehlen, um den Ruck abzufedern.

Im badischen Efringen-Kirchen, dort, wo seine Familie lebt, ist ihm das schon passiert. „Ich lag auf der Straße. Nach einer gefühlten halben Stunde kam jemand und fragte: ,Kann ich Ihnen helfen?` Ich war kurz davor zu sagen: ,Nö, lass mal. Ich genieß hier nur die Aussicht.“

Die Schüler mögen diesen lakonischen Unterton. Viele kennen ihn schon aus „Ziemlich beste Freunde“, jenem französischen Kinofilm, der die Lebensgeschichte des Industriellen Philippe Pozzo di Borgo (61) erzählt. Er war beim Paragliding abgestürzt und hatte sich das Genick gebrochen. Er wollte nicht mehr leben. Erst durch seinen Pfleger Driss, halb so alt wie er und vorbestraft, fand er den Spaß am Leben zurück. Driss schonte ihn nicht, er forderte ihn. Er chauffierte ihn im Maserati, ohne Rücksicht auf Tempolimits. So fing es an.

Samuel Koch kennt und schätzt di Borgo. Der „Spiegel“ hatte die beiden im Sommer zum Interview eingeladen. Zwei Querschnittgelähmte redeten über ihr Leben. Di Borgo war schon 42, als er im Rollstuhl landete. Er hat noch einmal geheiratet und ist Vater geworden. Samuel Koch macht das Mut. Er sagt, er habe viel gelacht in dem Film. In einigen Szenen hat er sich wiedererkannt, andere hat er vermisst. „Wo Komplikationen auftraten, wurde geschnitten.“ Beim Einchecken ins Flugzeug zum Beispiel – für ihn jedes Mal eine Tortur.

In Deutschland gibt es etwa 100.000 Querschnittgelähmte, 99 Prozent von ihnen sind ab der Hüfte abwärts gelähmt. Der Rest teilt sein Schicksal. Tetraplegie. So nennt man es, wenn man weder Beine noch Arme bewegen kann. Wenn man rund um die Uhr darauf angewiesen ist, dass ein Pfleger in der Nähe ist, um bei alltäglichen Handgriffen zu helfen, beim Anziehen, Duschen, ja, sogar beim Essen. 70 Prozent von ihnen sind nach einem Unfall im Rollstuhl gelandet. Es ist ein schwerer Schlag, nicht jedem gelingt es, sich davon zu erholen.

Andreas Berghammer kennt solche Fälle. Menschen, die erst ihren Beruf, ihren Partner und dann ihren Lebensmut verlieren. Berghammer ist Reha-Berater im Sozialdienst im Klinikum Hohenwarte in Bayreuth. Ein schnauzbärtiger Typ, der jeden duzt und keiner Frage aus dem Weg geht, auch nicht der, wie das mit der Sexualität im Rollstuhl ist: „Die ist nicht weg, die ist bloß anders.“ Er hilft Querschnittgelähmten, den Alltag im Rollstuhl zu bewältigen. Er hat auch die Familie Koch beraten.

Das Geld wird langsam knapp

Finanziell ist es jetzt eng, Samuel hat noch drei jüngere Geschwister. Alle vier studieren. Und das Geld, das die Unfallversicherung vom ZDF gezahlt hat, sei auch längst alle, sagt Marion Koch. Doch anders wäre es nicht gegangen. „Hätte er etwa in ein Heim für Behinderte ziehen sollen?“ Sie schüttelt den Kopf, eine energische Frau Ende 40. Das neue Leben ihres Sohnes, es ist nicht leicht, auch nicht für sie. Sie ist immer da, wenn er sie in Hannover braucht. Doch sie darf ihn nicht zu sehr bemuttern, da ist er eigen – wie jeder andere 25-Jährige. Er lebt in seiner eigenen Wohnung, sechs Teilzeitkräfte stehen rund um die Uhr parat, falls er sie braucht.

Samuel Koch standen vor dem Unfall so viele Wege offen. Er sagt, er habe lange nicht gewusst, was er werden wollte. Bundeswehrpilot, Eventmanager, oder Regisseur. Er hat sich für die Schauspielerei entschieden. Den Körper als Instrument benutzen, das hat ihn gereizt.

Zum Abschied gönnt er sich einen filmreifen Abgang. Er schießt im Rollstuhl in Richtung Ausgang. Man hat seine Worte noch im Ohr. „Ich bin dann mal weg.“