Justiz

Schweizer Familie soll Kernwaffen hergestellt haben

Ein Vater und seine Söhne stehen vor Gericht, weil sie für den pakistanischen Atomschmuggler Abdul Qadeer Khan gearbeitet haben sollen

Die Familie stammt aus dem St. Galler Rheintal, einer beschaulichen Gegend ganz im Osten der Schweiz. Vater Friedrich ist Ingenieur, die beiden Söhne Urs und Marco machen Mechanikerlehren und steigen früh in die Firmen des Vaters ein. Zu den wichtigsten Geschäftspartnern gehört Abdul Qadeer Khan, er wird in seiner Heimat Pakistan als Nationalheld verehrt.

Im Westen hingegen nennen ihn manche „den gefährlichsten Mann der Welt“. Noch bevor Pakistan mit Khans Hilfe im Mai 1998 seinen ersten nuklearen Sprengsatz zündete, begann der spätere „Vater der islamischen Bombe“ auch andere Staaten wie Libyen, Nordkorea und Iran mit Wissen oder Bauteilen zu versorgen. Und dabei stützte er sich auf Leute, die ihm schon früher hilfreiche Dienste geleistet hatten. Leute wie die Tinners. Die Bundesanwaltschaft beschuldigt Friedrich (64), Urs (46) und Marco Tinner (43) deshalb der „Förderung der Herstellung von Kernwaffen“ vor. Außerdem sollen sie eine Ausbildungswerkstatt in Dubai eingerichtet und dort Mechaniker und Techniker geschult haben. Auf Grund der „außerordentlichen Umstände in dem Fall“ wird das Schweizer Strafgericht an diesem Dienstag bloß darüber entscheiden, ob der Urteilsvorschlag, den die Bundesanwaltschaft mit der Verteidigung ausgehandelt hat, zulässig ist. In den Siebziger Jahren lernt Vater Friedrich in Berlin einen ausgebildeten Ingenieurskollegen aus Pakistan kennen. Abdul Qadeer Khan heuert nach seinem Studium in einem Labor im Umfeld des internationalen Uran-Konzerns Urenco an und erhielt so Zugang zu Zentrifugentechnik, mit der sich Uran auf waffenfähiges Niveau anreichern ließ. Nach einem Heimaturlaub im Jahr 1976 bleibt er in Pakistan und baut ein Atomwaffenprogramm auf.

Gaddafi gehörte zu den Kunden

Er nützt sein Netzwerk dafür, heikles Wissen und ebensolche Ware an Dritte weiterzuverkaufen. Gaddafi habe bei dem Pakistani Ende der 90er Jahre eine schlüsselfertige Zentrifugenanlage geordert, schildert die Anklage. Wenn Khan Ventile oder Ein- und Ausspeisesysteme für Anreicherungsanlagen oder einen zuverlässigen Ausbilder brauchte, wandte er sich jedenfalls an stets an seinen langjährigen Partner Friedrich Tinner oder dessen Söhne, mit denen der Schweizer inzwischen eigene Firmen betrieb. Ab 1998 baute er im Auftrag von Tahir in Dubai eine Schulungswerkstätte auf, von 2000 bis 2003 leitete er in Malaysia die Produktionsanlage einer Firma, die für das Khan-Netzwerk Zentrifugenbauteile fertigte. In dieser Zeit muss sich der Vorfall ereignet haben, der letztlich dazu geführt hat, dass im Fall Tinner nun kurzer Prozess gemacht wird: Urs Tinner ließ sich von der CIA anwerben. Die genauen Umstände dieses Seitenwechsels sind nicht geklärt. Laut Angaben des US-Atomexperten Albright schlossen im Juni 2003 neben Urs auch dessen Bruder und Vater mit dem US-Geheimdienst einen Kooperationsvertrag ab. „Die CIA hatte Beweise für ihre illegalen nuklearen Aktivitäten, die Tinners müssen erkannt haben, dass sie erwischt wurden und gaben sich deshalb kooperationsbereit“, schreibt Albright.

Kooperation mit der CIA

Kurze Zeit später dürfte Urs Tinner der CIA einen entscheidenden Hinweis geliefert haben: Die italienische Küstenwache stoppt im Mittelmeer einen Frachter auf dem Weg nach Libyen. Die „BBC China“ hat eine brisante Ladung an Bord: Bauteile für tausend Zentrifugen zur Urananreicherung. Sie stammen aus jener Fabrik im Khan-Netzwerk, in der Urs Tinner arbeitet. Im Dezember kündigt Gaddafi an, auf Massenvernichtungswaffen und auf das libysche Atomprogramm verzichten zu wollen. Nach ersten Besuchen von Inspektoren der Internationalen Atomenergiebehörde in Libyen werden immer mehr Details über Gaddafis Nuklearprogramm bekannt. Im Februar gesteht Khan im pakistanischen Staatsfernsehen, auch dem Nordkorea und den Iran Atomwaffentechnologie verkauft zu haben. Im Oktober 2004 wird Urs Tinner verhaftet, ein knappes Jahr später sein Bruder und sein Vater. Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen möglicher Verstöße gegen das Kriegsmaterialgesetzes und des Verdachts auf Geldwäsche gegen die Tinners.

Ob die Techniker aus dem Rheintal darüber hinaus im Auftrag eines fremden Staates spioniert haben, darf sie nicht untersuchen, die Regierung hat die dazu nötige Ermächtigung verweigert – offenbar auf Druck der USA, die kein Interesse daran hat, dass die Rolle der CIA untersucht wird. Die Parlamentskommission, die staatliches Handeln in geheim zu haltenden Bereich kontrolliert, bezeichnet die Maßnahme als „nicht verhältnismäßig“. Selbst auf das Strafmaß haben sich Anklage und Verteidigung bereits geeinigt. Geht es nach ihrem Vorschlag, werden die drei Techniker zu Freiheitsstrafen verurteilt, die sie bereits in Untersuchungshaft abgesessen haben. Damit würden die talentierten Tinners auf freiem Fuß bleiben. Das Bundesstrafgericht kann an diesem Dienstag zustimmen – oder den Deal platzen lassen. Ein Urteil im eigentlichen Sinne wird es im Fall Tinner nicht geben.