E-Commerce

Vom Handel mit V2-Raketen

Diebe buddeln in Peenemünde Weltkriegs-Devotionalien aus und verkaufen sie im Internet

– Sie agieren im Internet unter Namen wie Kongomüller, Giftzwerg, Rocket.Trade oder Puppenmann. Unter ständig wechselnden Accounts verdienen Raubgräber derzeit über Online-Portale ein Vermögen mit illegal ausgegrabenen Hinterlassenschaften der ehemaligen Heeresversuchsanstalt in Peenemünde. In Kennerkreisen besonders gefragt scheinen Reste der im Zweiten Weltkrieg auf Usedom getesteten V2-Raketen zu sein, Hitlers „Vergeltungswaffe“.

Für 1600 Euro wechselte 2010 eine im Küstenwald ausgebuddelte Raketenspitze mit Zündübertragungsladung den Besitzer. Den Deal mit einem weiteren, für 200 Euro angebotenen V2-Geschoss ließ das Auktionshaus Ebay im August nach einem Hinweis von Journalisten wegen verbotenen Handels mit Waffenzubehör sperren.

Der Handel mit Military-Fundsachen aus der einstigen Raketenschmiede floriert wie nie zuvor. Das Artikelangebot reiche vom Ventilkopf eines A4-Aggregats, Seitenruder-Trümmern der Flugbombe Fieseler und Turbopumpen bis hin zur Einspritzdüse für 9,95 Euro, sagt Mecklenburg-Vorpommerns Chefarchäologe Detlef Jantzen.

Die Polizei ist machtlos. Bislang konnte die skrupellose Plünderei der formal unter Denkmalschutz stehenden Waffenrelikte nicht unterbunden werden. Ausgerüstet mit Rucksäcken, Feldspaten und Metalldetektoren, verschaffen sich die in Tarnjacken steckenden unerwünschten Gäste mit Drahtscheren gewaltsam Zugang zu dem von einem Sicherheitszaun umgebenen, munitionsverseuchten Gebiet am früheren Flugplatz Peenemünde. Meist würden sie nur zerschnittene Maschendrahtzäune und frisch gegrabene Erdgruben hinterlassen, sagt Joachim Saathoff vom Museumsverein Peenemünde, der jährlich für bis zu 6000 Interessenten Rundfahrten durch das gesperrte Areal organisiert.

Außer im Winter durchstöberten die aus ganz Deutschland anreisenden Schatzsucher fast wöchentlich und sogar tagsüber zu Fuß oder mit dem Moped die Nazi-Hinterlassenschaft, sagt ein Insider, der ihnen seit Jahren auf der Spur ist, seinen Namen aber aus Angst vor Racheakten nicht nennen will. In den von Kiefern überwucherten Ruinen rund um den legendären Prüfstand VII würden sie auch fast sieben Jahrzehnte nach der Bombardierung von Peenemünde durch die britische Luftwaffe noch fündig.