Jack the Ripper

Es war der Kutscher

Zwei Autoren sind überzeugt, den Frauenmörder Jack the Ripper identifiziert zu haben

– Man nannte ihn einfach Jack, dabei ist es geblieben. Jack mit dem Beinamen „the Ripper“. Den echten Namen, die wahre Identität des berühmtesten Serienkillers der Kriminalgeschichte kennt bis heute niemand. Das monströse Verbrechen des Mannes oder, wie eine Theorie besagt, der Frau, der oder die 1888 im Eastend von London fünf Prostituierte ermordete, vier davon entsetzlich verstümmelte, ist bis heute unaufgeklärt.

Und wie es aussieht, wird es sich nie mit ganzer Sicherheit beweisen lassen, wer Jack the Ripper wirklich war und wie er entkommen konnte. In Großbritannien erscheint im kommenden Jahr ein Buch, von dem die Engländer wie auch viele Kriminalspezialisten glauben, dass es die Wahrheit über den Fall enthüllt, der die Welt erst in Entsetzen, im Lauf des folgenden Jahrhunderts in Grusel versetzte, der Alban Bergs Oper „Lulu“ inspirierte, die Literatur sowieso und Regisseure wie Drehbuchautoren erst recht. Das Fazit der Autoren zum Täter: Es muss der Kutscher gewesen sein.

Der schwedische Autor Christer Holmgren hat sich zusammen mit seinem britischen Kollegen Edward Stow vor allem auf die Zeugenaussagen in den Ripper-Akten konzentriert – sie sind heute lückenlos im Museum des Scotland Yard in London einzusehen. Auffällig unlogisch kam den beiden dabei die Aussage jenes Zeugen vor, der das erste Opfer gefunden haben will. Charles Cross, von Beruf Droschkenfahrer, aus Bethnal Green, einem Londoner Stadtteil.

Charles Cross eilt am Freitag, dem 31. August 1888, im Dunkeln durch das Elendsviertel Whitechapel zur Arbeit – so hat er es der Polizei erzählt. Um 3.40 Uhr fällt er fast über einen Körper. Vor seinen Füßen liegt Mary Ann Nichols, eine Prostituierte, Spitzname „Polly“. Drei Tage später wäre sie 43 Jahre alt geworden. „Polly“ ist tot, die Kehle durchgeschnitten, der Unterleib aufgeschlitzt.

Kurz darauf stößt ein weiterer Zeuge zum Tatort, Robert Paul, ebenfalls auf dem Weg zur Arbeit. Während Paul der Polizei später berichtet, er habe Cross dabei überrascht, wie er sich über die Leiche beugte, gibt der Kutscher dagegen zu Protokoll, er habe mit Abstand von der Leiche auf der Straße auf die Polizei gewartet.

„Wir sind sicher, dass Charles Cross der Mörder ist“, erklären Holmgren und Stow. Ihr Buch wird zwar erst im kommenden Jahr erscheinen – wenn sich die Ripper-Morde zum 125. Mal jähren, dessen Inhalt haben sie aber kürzlich auf einem Vortrag in London vorgestellt. „Er hat sich durch falsche Aussagen verdächtig gemacht, alle fünf Morde passierten in der Nähe seines Wohnortes, und obendrein gab er einen falschem Namen an.“ Dass Charles Cross kein üblicher britischer Name sei, ist schon vielen aufgefallen, die sich mit den Ripper-Akten beschäftigten. Holmgren und Stow sind allerdings die Ersten, denen es gelang, aus historischen Dokumenten und Geburtsurkunden den richtigen Namen jenes Kutschers mit Namen Charles aus Bethnal Green ausfindig zu machen: „In Wahrheit hieß er Charles Latchmere.“

Wer wurde nicht schon alles verdächtigt, jener Frauenmörder gewesen zu sein, den die Welt wohl immer als finstere Filmgestalt mit dunklem Cape und Zylinder im Gedächtnis behalten wird. Bis heute stehen mehr als 70 Männer unter Verdacht, Jack the Ripper gewesen zu sein. Keiner von ihnen wurde angeklagt.

Prinz Albert Victor zum Beispiel, langweiliger und leicht debiler Enkel von Königin Victoria war darunter, Walter Sickert, ein deutscher Impressionist, dessen Bilder sowie DNA-Spuren ihn angeblich als Täter überführen. Auch Lewis Carroll, Autor von „Alice im Wunderland“, soll Jack the Ripper gewesen sein. Die Theorie, die weltweit bisher für das meiste Aufsehen sorgte, ist erst drei Monate alt: Im Mai behauptete John Morris, britischer Rechtsanwalt und Hobby-Ripper-Forscher, der berühmteste Serienmörder aller Zeiten könne nur eine Frau gewesen sein, „Lizzie the Ripper“. Mary Elizabeth Ann Hughes, genannt „Lizzie“, kam 1872 mit ihrem Mann, dem Arzt John Williams nach London. Während ihr Mann Karriere machte, es bis zum Hofarzt brachte – und sich mit Geliebten vergnügte, soll Lizzy sich gelangweilt haben. Zum mutmaßlichen Motiv der Dame erklärt Morris, es seien Unfruchtbarkeit und Eifersucht gewesen. Keines der Opfer sei sexuell missbraucht worden, an einem der Tatorte lagen Damenknöpfe – und der Killer hatte einigen Frauen die Gebärmutter entfernt.

DNA-Analyse und Spurensicherung

Heute wäre Jack the Ripper wohl ziemlich rasch aufgeflogen – auch ohne DNA-Analyse und moderne Spurensicherung. Dass er damals unentdeckt blieb, hängt mit dem historischen Weltbild des 19. Jahrhunderts zusammen. „Die Ermittler vom Scotland Yard haben nach einer ganz besonderen Sorte Mensch gesucht“, erklären Stow und Holmgren, „dabei wissen wir heute, dass die meisten Morde von ganz normalen Menschen begangen werden.“

Die Polizei im London des 19. Jahrhunderts hat es von vornherein ausgeschlossen, dass Jack the Ripper ein ganz gewöhnlicher Bürger sein könnte. Die Bobbys und die Sherlock-Holmes-Kollegen von damals grenzten deshalb die Suche ein: auf Geisteskranke, Schwerverbrecher, Ausländer und Ärzte. Gegen die meisten Verdächtigen wurde Zeit ihres Lebens nie ermittelt.