Kriminalität

Wenn Tausende zur Party kommen

Fast täglich findet in Deutschland eine Facebook-Feier statt. Viele davon eskalieren, die Behörden bleiben auf den Einsatzkosten sitzen

Es sollte eine Feier im kleinen Kreis werden, mit 20 Gästen hatte ein junger Mann aus dem bayerischen Lengdorf im Landkreis Erding gerechnet. Stattdessen kamen 200 Feierwütige, und die bei Facebook angekündigte Party endete in einem Fiasko: Ein 18-Jähriger stach mit einem Messer auf einen 19-Jährigen ein, der schwer verletzt wurde, ein Betrunkener stürzte in ein Lagerfeuer, und ein junger Mann hatte derart viel getrunken, dass er sich nicht mehr rührte. Dass Fenster und Türen eingeschlagen und Stereoanlagen geklaut wurden, war da nur eine Randnotiz. Ein Polizeisprecher sagte: „Es sah aus wie auf einem Schlachtfeld.“

Kalkuliertes Chaos

Meldungen wie diese tauchen mittlerweile fast täglich in Polizeiberichten auf. Im Gegensatz zu den Vorfällen in Lengdorf ist es aber meist nicht so, dass die Einladenden versehentlich ein Häkchen falsch setzen. Meist handelt es sich um kalkuliertes Chaos. Im Jahr 2012 gehört es zur Jugendkultur, sich über das soziale Netzwerk zu exzessiven Feiern zu treffen, bei denen im Vorfeld nicht klar ist, wie viele und wer überhaupt kommt. Dass diese Partys schließlich oftmals zu Saufgelagen mit Körperverletzungen, Unfällen und Alkoholvergiftungen verkommen, wird angesichts der unbändigen Lust auf etwas Verrücktes in Kauf genommen. Wer gegen diese Zustände protestiert und zur Ordnung ruft, gilt unter den Feierwütigen als Spielverderber und Spießer.

So wie Andreas Schanz, Mitarbeiter des baden-württembergischen Innenministerium. „Es gibt immer mehr Facebook-Partys, die aus dem Ruder laufen“, sagt Schanz: „Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei in Baden-Württemberg 40 Einsätze im Zusammenhang mit solchen Feiern. In diesem Jahr wird diese Anzahl schon jetzt überschritten sein.“ Auch in Nordrhein-Westfalen ist die Polizei wegen Facebook-Partys regelmäßig im Einsatz: „Das Problem wird immer größer, wir bekommen es nicht in den Griff“, sagt Erich Rettinghaus, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DpolG).

Bei Polizei und Feuerwehr binden Facebook-Partys Einsatzkräfte, die an anderer Stelle fehlen. „Wenn wir von einer solchen Veranstaltung Wind bekommen, müssen wir Einsatzkonzepte erstellen und natürlich am Tag der Veranstaltung vor Ort sein“, sagt Rettinghaus.

Vor zwei Jahren schwappte die Welle der Facebook-Partys nach Deutschland. Bis dahin war es vor allem in Frankreich ein Trend, sich über das Internet zu verabreden, wenn zum „Apéro géant“ (zu deutsch: gigantischer Aperitif) aufgerufen wurde. Im Mai 2010 gab es den ersten Todesfall, als einer von 10.000 Feiernden in Nantes betrunken von einer Brücke stürzte. In Houston in den USA starb im März ein Jugendlicher, als die Polizei eine Facebook-Party beenden wollte. Ein alkoholisierter Gast griff in dem Trubel zu einer Waffe und feuerte – angeblich aus Versehen – einen tödlichen Schuss ab. Zum Umdenken haben die Initiatoren diese Zwischenfälle nicht bewegt. Im Gegenteil: Weltweit nehmen sich Jugendliche die in diesem Sommer ausgestrahlte US-Kinokomödie „Project X“ zum Vorbild, in der Teenager ausnutzen, dass ihre Eltern nicht zu Hause sind und die Party ihres Lebens feiern wollen. Die Veranstaltung endet in einer Orgie aus Drogen und Gewalt. Auch in Deutschland rufen über Facebook immer mehr junge Leute zu „Project X“-Partys auf – so wie im Fall der eskalierten Feier in Lengdorf, bei der jeder Gast 15 Euro zahlen musste und so viel trinken durfte, wie er wollte. Auch in Ulm, Backnang und Düsseldorf wurde bereits zu „Project X“-Feiern eingeladen, bei denen das einzige Motto lautet: „No Limit“. Mit einer gepflegten Party, gegen die niemand etwas einzuwenden hätte, hat das nichts zu tun. Die Behörden klagen, die Initiatoren nicht in Regress nehmen zu können. Deutschlandweit wurden in den vergangenen Monaten zwar immer wieder Gebührenbescheide für Polizei- und Feuerwehreinsätze im Zusammenhang mit Facebook-Partys verschickt, aber wer Widerspruch einlegt, hat große Erfolgsaussichten.

Die Allgemeinheit zahlt

Die Rechnungen dienen eher der Abschreckung. „Für die Dummheit der Leute zahlt die Allgemeinheit“, sagte Polizei-Gewerkschafter Rettinghaus: „Daran muss sich etwas ändern.“ Er fordert rechtliche Voraussetzungen, damit die Verursacher der Kosten diese auch zahlen müssen. „Ein Gericht müsste klären, unter welche Kategorie Facebook-Partys fallen. Dann hätte man eine rechtliche Handhabe gegen die Veranstalter,“ sagt auch Schanz vom baden-württembergischen Innenministerium. Ungeklärt bleiben grundsätzliche Fragen wie: Handelt es sich bei Verabredungen über Facebook um Treffen, die angesichts des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit legal sind? Muss ein Sicherheitskonzept vorgelegt werden? Wer haftet für die Schäden der Besucher? Trägt Facebook Mitschuld? Weil die Rechtslage unsicher ist, bleibt den Behörden bislang nur, präventiv vorzugehen. Facebook wurde aufgefordert, Warnhinweise auf den Seiten, auf denen Veranstaltungen erstellt werden können, zu platzieren – bisher jedoch ohne Erfolg.