Unglück

300 Arbeiter sterben bei Fabrikbrand in Pakistan

Sie sprangen aus dem vierten Stock, um sich zu retten. Wer trägt Schuld an dem Inferno?

Der Tod von über 300 Arbeitern bei Bränden in zwei Fabriken Pakistans hat erneut ein Schlaglicht auf die oft miserablen Arbeitsbedingungen in der dortigen Industrie geworfen. Beim verheerendsten Brand in der Textilfabrik von Karatschi wurden bis Mittwoch knapp 290 Leichen geborgen, in der Schuhfabrik von Lahore starben 21 Arbeiter. In mindestens einem Fall wurden die Sicherheitsregeln offenbar missachtet.

Die meisten Opfer erstickten

Der Brand in der Textilfabrik der südpakistanischen Industriemetropole brach nach ersten Erkenntnissen am Dienstagabend im Erdgeschoss des vierstöckigen Gebäudes aus und breitete sich rasch weiter aus. Dutzende Arbeiter sprangen in ihrer Verzweiflung aus den Fenstern der oberen Stockwerke: Sie überlebten, wenn auch teilweise mit schweren Knochenbrüchen. Für die Arbeiter im Keller aber gab es keine Rettung. Sie erstickten, bevor das Feuer auch ihren Saal erfasste. Dort wurden die verkohlten Leichen erst nach Stunden von der Feuerwehr gefunden. „Bisher haben wir 289 Leichen geborgen, die Suche dauert jedoch noch an“, sagte Behördenvertreter Roshan Shaikh. Mehr als 65 Arbeiter wurden nach Angaben von Ärzten mit Knochenbrüchen im Krankenhaus behandelt. Ein Vertreter des Gesundheitsministeriums der Provinz Sindh sprach von „dem verheerendsten Brand in der Geschichte Karatschis“.

„Wie Ameisen eingepfercht“

Die Ursache für das Unglück war zunächst unklar. Dass der Brand zu einer derartigen Katastrophe werden konnte, lag aber vermutlich an den laxen Sicherheitsvorkehrungen und dem schlechten baulichen Zustand der Fabrik. Laut Feuerwehrchef Ehtesham Salim wurden in dem rissigen Billigbau rund um die Uhr Unterwäsche und Plastikzubehör hergestellt. Die Arbeiter seien „wie Ameisen“ in den Werksälen eingepfercht gewesen, ohne ausreichende Belüftung und Notausgänge. Zudem habe der Besitzer alle Ausgänge außer der Haupttür an der Vorderseite verriegelt. Gegen ihn laufen inzwischen Ermittlungen wegen Fahrlässigkeit. Wie viele Menschen sich zum Zeitpunkt des Brandes überhaupt in dem Gebäude aufhielten, war auch Stunden später unklar. Auch die Überlebenden wussten es nicht. Einer von ihnen, Mohammed Saleem, sprach von 150 Spätschichtarbeitern. Der 32-Jährige, der sich mit einem Sprung aus dem zweiten Stock retten konnte, stand einen Tag später sichtlich unter Schock: „Es war schrecklich, plötzlich brannte die gesamte Etage, der Rauch und die Hitze wurden unerträglich. Wir rannten zum Fenster, zerbrachen die Gitter und die Scheiben und sprangen hinaus“, erzählte er von seinem Krankenhausbett. Sein Kollege Mohammed Yacoob überlebte, weil er sich wegen eines Fieberanfalls kurz vor der Schicht krankgemeldet hatte. Im Krankenhaus versuchte der 40-Jährige nun verzweifelt, mehr über das Schicksal seines jüngeren Bruders zu erfahren, der ebenfalls in der Fabrik arbeitete. „Ich sah viele Leichen, doch sind sie so verkohlt, dass man nichts mehr erkennen kann“, berichtete er unter Tränen.

Stunden vor der Katastrophe in Karatschi war bereits in einer Fabrik der zweitgrößten Stadt Lahore im Osten des Landes ein Feuer ausgebrochen. 21 Arbeiter kamen nach Behördenangaben ums Leben. Auslöser war wohl ein defekter Stromgenerator. Premierminister Raja Pervez Ashraf sprach allen Überlebenden und Hinterbliebenen sein Beileid aus. Die Textilindustrie ist ein wichtiger Faktor für Pakistans krisengeschüttelte Wirtschaft, 38 Prozent aller Arbeiter sind hier beschäftigt. Doch nur wenige Betreiber halten sich an die Sicherheitsregeln für den Arbeitsplatz, wie der Experte Noman Ahmed von der Technologischen Universität in Karatschi erklärt: Hauptgrund sei, dass sie in der Regel keinerlei Kontrollen befürchten müssten.