Interview

King Kongs letzter Kampf

In den Wäldern im Kongo leben die letzten Berggorillas. Forscher Robert Muir will sie schützen - und riskiert dabei sein Leben

- Wir haben den britischen Zoologen Robert Muir nicht ausdrücklich gefragt, wofür die Gitterstäbe zwischen Gorillas und Besuchern im Zoo gut sein sollen. Die Antwort hätte gelautet: Ein männlicher Gorilla kann zwar jeden Boxweltmeister und jeden Türsteher mit einem Handgriff zermalmen. Aber der Hauptzweck für Gitterstäbe ist nicht, dass Gorillas gefährlich werden könnten. Es ist anders herum. Der Mensch ist für den Gorilla lebensgefährlich - durch alles, was er an Viren und Bakterien gerade so von sich hustet, niest oder pustet. Sieben Meter Abstand fordert Muir.

Im Interview mit Elke Bodderas betonte Muir immer wieder: Dass es nur noch wenige Berggorillas gibt, dass nicht viel zur Ausrottung fehlt, dass es militärischen, zumindest bewaffneten Einsatz braucht, den Regenwald im Kongo gegen marodierende Wilderer und Milizen zu verteidigen. 350 Berggorillas leben heute dort, als Weltkulturerbe stehen sie unter dem Schutz der Unesco. Seit zehn Jahren tobt in den Nebelwäldern im Nationalpark der Virunga-Vulkane der größte afrikanische Bürgerkrieg. Wer hier Berggorillas schützt, begibt sich an die Front. "Meine erste Nacht im Kongo verbrachte ich mitten in einem Gefecht, das sich die beiden Parteien lieferten", sagt Muir, "über das Dach meines Hauses pfiffen Maschinengewehr-Kugeln, dazwischen hörte man schwere Waffen und Raketen. Mein Gott, wo bist du hier gelandet, dachte ich, und: Gleich fliegt die Station in die Luft."

Berliner Morgenpost:

Herr Muir, mehr als 150 Mitarbeiter haben im Kampf mit den Terrormilizen ihr Leben gelassen. Ist es das wirklich wert?

Robert Muir:

Wenn du einem Berggorilla ins Auge siehst, ist es, als ob du ein menschliches Wesen anschaust. Du erkennst ihre Intelligenz, kannst sehen und fühlen, da steht dir ein jemand gegenüber, eine Persönlichkeit, die sich für dich interessiert, die mehr von dir wissen will. Der dich genauso analysieren und verstehen will, wie du ihn. Das ist etwas anderes als der Blick eines Hundes oder einer Katze.

Zwei Meter Körpergröße, 200 Kilo Lebendgewicht - standen Sie schon Auge in Auge vor einem wütenden King Kong?

Wenn man einem Silberrücken begegnet, senkt man demütig den Blick und macht sich klein. Neben ihm gibt es keinen anderen Chef, das ist die Regel. Ansonsten sind Berggorillas unglaublich sanft, sehr sozial, sie tun alles für ihre Familien. Während Schimpansen viele negative, zum Teil ziemlich üble, auch die kriegerischen Seiten des Menschen widerspiegeln, scheinen Gorillas nur unsere besten Eigenschaften ausgesucht zu haben. Weltweit leben nur noch 750 Berggorillas. Wenn wir uns aus dieser Region zurückzögen, wäre das Risiko hoch, dass die Menschheit diese wunderbaren Tiere für immer verlöre.

Was ist die größte Gefahr für die Berggorillas im Kongo?

Die lässt sich meistens nur aus der Luft erkennen. Vom Flugzeug aus sieht man die Rauchfahnen über dem Regenwald. Sie verraten, wo Banden gerade dabei sind, den Regenwald illegal zu Holzkohle zu verarbeiten. Militärs und korrupte Beamte verdienten an dem Geschäft. So schrumpft die Lebensgrundlage der Gorillas von Jahr zu Jahr. Den Menschen hier mangelt es an allem, vor allem aber auch an Brennstoff. Im Gorillawald wächst das Holz, das sie dringend brauchen. Holzfeuer sind die einzige Möglichkeit, das Trinkwasser abzukochen.

Ist es fair, von diesen Menschen zu verlangen, keine Holzkohle aus Urwaldbäumen zu brennen?

Genau das macht unsere Arbeit so schwierig. Die Menschen kämpfen täglich ums Überleben. Wir müssen ihnen klarmachen, dass der Regenwald einen guten Teil dazu beitragen kann. Virunga ist einer der fantastischsten Nationalparks der Erde. Es gibt Vulkane, Gletscher, Sümpfe, Wälder. Er ist der einzige Platz weltweit, wo drei Menschenaffen-Arten leben: Berggorillas, Flachlandgorillas, Schimpansen. Bis vor Kurzem konnten Touristen kommen. 500 Dollar zahlen sie für eine Stunde mit den Gorillas. Aber als ich einen Kontrollposten einrichtete und die Holzkohle beschlagnahmen ließ, rächten sich die Holzfäller und massakrierten sieben der Gorillas.

Ist das so ein Moment, in dem Sie ans Aufgeben denken?

Manchmal habe ich mich schon gefragt, wie lange ich noch weitermachen kann. Viele unserer Ranger sind inzwischen tot. Sie wurden während ihrer Patrouillen erschossen. Ich habe sie mit beerdigt. Aber immer, wenn ich zweifele, ob ich das noch durchhalte, dann führe ich mir diese Männer vor Augen. Für mich sind sie Helden.

Können Sie schießen?

Ja, aber ich trage kein Gewehr bei mir. Damit unsere Ranger sich besser verteidigen können, haben wir viele von ihnen zu einer paramilitärischen Spezialeinheit ausgebildet. Unser Hauptquartier ist eine Festung, die Menschen und Affen gegen Kohlemafia, Wilderer und Rebellen verteidigt. Momentan kontrollieren wieder verfeindete Milizen den Park. Es ist ruhig, aber jederzeit kann es losgehen, dann bekämpft jeder jeden, der Park wird zum Schlachtfeld. Immerhin sind sich die verfeindeten Parteien darin einig, dass die Berggorillas wertvoll sind. "Wer Gorillas tötet, wird erschossen", diesen Befehl haben jetzt die Warlords ausgegeben. Trotzdem geraten die Tiere immer wieder in die Schusslinie.

Was war Ihr beeindruckendstes Erlebnis mit einem Gorilla?

Am schönsten ist es, zu sehen, wie die Mütter sich um ihre Babys kümmern. Das hat sehr viel Menschliches. Ich werde nie die Gorillamutter vergessen, die von Wilderern erschossen worden war. Ihr Baby versuchte von ihrer kalten Brust zu saugen und schrie. Es kam in ein Waisenheim. Wenn alles gut geht, können wir es irgendwann in die Freiheit aussetzen - und es kann sogar eine eigene Familie gründen.