Interview mit Sandra und Reinhard Schlitter

"Die Welt wird vorläufiger"

Der zehnjährige Mirco wurde 2010 vergewaltigt und ermordet. Seine Eltern haben ein Buch geschrieben - über die Tat und Vergebung

- Da sitzen sie auf ihrer Terrasse, trinken Johannisbeersaft mit Sprudel und schauen in ihren sommerlichen Garten auf ein großes Trampolin, ein buntes Schwimmbecken und den wuchernden Rasen dazwischen. "Ein richtiges Kinderparadies", sagt Sandra Schlitter und streicht mit der Hand über die ebenso bunte Tischdecke. Dann schweigen sie und ihr Mann Reinhard einen Augenblick. Leise hört man ein Flugzeug am Himmel brummen. Und langsam beginnen sie, Till-R. Stoldt zu erzählen: von Mirco, ihrem Kind, das schon jetzt im Paradies sei, und von ihrem Buch, in dem sie schildern, wie sie das größte denkbare Unglück aller Eltern überlebten.

Berliner Morgenpost:

Frau Schlitter, Herr Schlitter, in Ihrem Buch schreiben Sie, Sie wollten anderen Menschen zeigen, dass man sogar "in solch einer Albtraumsituation Halt und Trost finden kann". Welchen Trost gibt es, wenn das Leben des eigenen Kindes so früh und gewaltsam beendet wurde?

Reinhard Schlitter:

Unser Trost ist Gott. Er half und hilft, wo wir aus eigener Kraft nicht mehr können.

Sandra Schlitter:

Wir sehen die schrecklichen Ereignisse mit einer Art Himmelblick. Unsere Kinder sind ein Geschenk Gottes. Für eine gewisse Zeit sind sie uns anvertraut. Für wie lange, das kann niemand sagen. Aber Mirco hatte sozusagen seinen Lauf beendet. Er ist uns vorausgegangen zu Jesus. Das tröstet uns.

Vielen Zeitgenossen scheint gerade das Leid von Kindern zu beweisen, dass es keinen liebenden Gott gibt. Andere Eltern ermordeter Kinder sagten schon, nun könnten sie erst recht nicht an Gott glauben.

Reinhard:

Ja, das ist die alte Frage, wie Gott das Leid zulassen kann. Aber diese Kritik an Gott kann ich nicht stehen lassen. Nicht er tut das Böse, sondern die Menschen. Moment mal.

Er springt auf, verschwindet hinter der Terrassentür und kommt mit einer kleinen, zerlesenen Taschenbibel zurück, in der er sogleich eifrig blättert.

Reinhard:

Hier, Jakobus eins, Vers 13, das habe ich heute früh noch gelesen: "Wenn ein Mensch in Versuchung gerät, soll er nicht sagen: Gott hat mich in Versuchung geführt. So wie Gott nicht zum Bösen verführt werden kann, so verführt er auch niemanden dazu. Es ist die eigene Begehrlichkeit, die den Menschen ködert und einfängt." Das meine ich: Nicht Gott wollte Mircos Leid, sondern ein Mensch.

Aber Gott hat es nicht verhindert. Sie haben während der 145 Tage, in denen Mirco als vermisst galt, immer wieder gebetet, Gott möge Ihr Kind beschützen und zurückbringen. Hat Gott Sie nicht enttäuscht?

Sandra:

Nein, er hat unseren Mirco zwar nicht zurückgebracht. Aber ich vertraue drauf, dass Gott bei ihm war, als er litt. Er stand Mirco in seinen letzten Minuten bei, Mirco konnte seine Nähe hoffentlich spüren. In gewisser Weise hat Gott unser Kind wohl aus der Situation herausgenommen und so beschützt.

Die Berichte mancher Vergewaltigungsopfer könnte man als Bestätigung Ihrer Hoffnung lesen. Viele Frauen erzählen, sie hätten den Schrecken gar nicht gespürt, wie unbeteiligte Beobachter hätten sie der Gewalttat zugeschaut.

Reinhard:

Auch da zeigt sich das Eingreifen Gottes in den Momenten, in denen niemand anders dem Opfer in seiner Einsamkeit helfen kann. In der Bibel gibt es auch so ein Beispiel von Stephanus ...

... dem ersten christlichen Märtyrer.

Reinhard:

Als er gesteinigt wird, ruft er im letzten Moment seines Lebens, er sehe "die Herrlichkeit Gottes".

Sandra:

Und so passiert oft parallel zu dem, was wir beobachten, noch etwas anderes. Von außen betrachtet sieht Mircos irdisches Ende nur nach Gewalt und Schrecken aus, aber seine eigene Wahrnehmung war hoffentlich schon ganz von der Nähe und Liebe Gottes geprägt.

Dort, bei Gott, ist er jetzt?

Sandra:

Mirco ist in seinem himmlischen Zuhause, in vollkommener Freude. So, wie unser Pfarrer das bei der Beerdigung gesagt hat: Bei seiner Ankunft im Himmel hat Jesus Mirco "einen Kuss gegeben und ihn fest gedrückt".

Reinhard:

Wir freuen uns darauf, unser Kind dort einst wiederzusehen, wenn wir gestorben sind.

Sandra:

Viele Menschen, auch Eltern verstorbener Kinder, sagten mir: "Dein Glaube, deine Kirche, die geben dir Kraft. Ich wünschte, ich könnte das auch so sehen." Aber es ist nicht mein Glaube und nicht meine Gemeinde, die mich trösten, sondern der lebendige Gott. Außenstehende vermuten natürlich, wir würden uns etwas einbilden. Die denken, wir haben einen Hau.

Zum besseren Verständnis muss man vielleicht Ihren christlichen Hintergrund beleuchten: Ihre Familien gehören seit Generationen einer evangelischen Freikirche an, die als pfingstlerisch bezeichnet wird. Den Pfingstkirchen wird von der großen Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bestätigt, keine Sekte zu sein. Laut EKD zeichnen sich Pfingstgemeinden oft durch eine entschiedene, ernsthafte Glaubenspraxis und eine emotionale Frömmigkeit aus. Allerdings hinterfragen sie die Bibel nicht historisch-kritisch, was die EKD teils als "fundamentalistisch" bemängelt.

Sandra

(lacht): Ja, auch die Kripo-Mitarbeiter der Soko "Mirco" haben zugegeben, sie hätten uns anfänglich für leicht spinnert gehalten.

Später haben aber sowohl der Soko-Leiter als auch der Soko-Sprecher in höchsten Tönen gerühmt, wie stabil, sympathisch, vertrauenswürdig und sogar "inspirierend" Sie beide seien.

Sandra und Reinhard Schlitter schweigen. Dabei sehen sie abwechselnd zufrieden und leicht peinlich berührt aus, als sei das zu viel des Lobes.

Sie sagten vorhin, Mirco sei Ihnen "vorausgegangen". Verliert diese Welt an Bedeutung, weil Mirco jetzt in einer anderen lebt?

Reinhard:

Ja, die Welt wird vorläufiger. Manches, was früher drängend schien, schrumpft zur Nebensache. Was ist schon diese kurze Zeitspanne, verglichen mit der Ewigkeit?

Sandra:

Manchmal komme ich mir vor wie ein Besucher auf Erden, der bald nach Hause geht. Diesen Himmelblick hatte ich aber schon früher. Im Jahr vor Mircos Tod wurde bei mir ein Tumor entdeckt, Gott sei Dank ein gutartiger. Auch damals habe ich schon gesagt: Herr Jesus, wenn das dein Wille ist, bin ich bereit, jetzt zu gehen.

Bleibt da fürs Diesseits noch genug Tatkraft?

Reinhard:

Na klar, wir haben noch drei weitere Kinder, die haben ein Recht auf Eltern, die ihnen mit Liebe und Kraft zur Seite stehen.

Sandra:

Neben der Trauer gibt es doch auch Freude. Wir besuchen wieder Partys, wir lachen mit unseren Kindern, arbeiten beide, wir wollen weiter mitten im Leben stehen.

Sie sind 36, Ihr Mann ist 44.

Sandra:

Mircos Tod hat mich auch dankbarer und insofern lebensbejahender gemacht. Mir ist seitdem bewusster, wie begrenzt die Zeit mit unseren Kindern ist. Ich erfülle ihnen ihre Wünsche jetzt schneller, glaube ich.

Im Buch berichten Sie, Ihre Tochter würde nun gerne in Mircos Zimmer einziehen.

Sandra:

Das soll sie auch. Diese Woche haben wir mit der Renovierung des Zimmers begonnen.

Wie stark reißt Sie der Zorn auf den Täter in Abgründe?

Reinhard:

Damit habe ich meinen Frieden gemacht. Wir haben beschlossen, ihm zu vergeben ...

Sandra:

... auch um unsere eigenen Herzen zu entgiften.

Reinhard:

So eine Entscheidung fällt allerdings nicht leicht.

Der Täter hat nicht nur Ihr Kind getötet. Er hat auch Ihren Fernsehappell ignoriert, in dem Sie ihn baten, den Fundort der Leiche mitzuteilen. Selbst vor Gericht hat er ihn bis zuletzt verschwiegen, obwohl Sie sich wünschten, er möge Licht ins Dunkel bringen. Viele Menschen würden urteilen, dieser Mann habe keine Vergebung verdient.

Reinhard:

Wenn ich allein meiner Natur als Mensch folgte, könnte ich nur fordern, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Aber den Mörder zu töten gibt mir keinen Frieden; ihm zu vergeben dagegen schon. Ob er über die Gefängnisstrafe hinaus einst zur Rechenschaft gezogen wird, das überlasse ich Gott. Er kann als Einziger den Wert eines Menschen beurteilen. Es befreit ungemein, diese Entscheidung an Gott abzugeben.

Sandra und Reinhard Schlitter: "Mirco. Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen", Adeo-Verlag, 2012, 17,99 Euro. Ab 6.September