- Am Tag nach dem Unglück ist der Himmel grau über dem Kölner Zoo. Am Haupteingang steht ein Verkäufer mit Luftballontieren - Pinguine, Affen, Elefanten. Kinder tollen um ihn herum. Nichts deutet auf das Unglück hin, das sich hier tags zuvor abgespielt hat. Die 43 Jahre alte Pflegerin Ruth K. war gegen zwölf Uhr von einem Sibirischen Tiger getötet worden. Die Besucher bekamen nichts mit, das Drama geschah im Innern des Raubtiergeheges. Nachdem eine Kollegin die Frau reglos am Boden gefunden hatte, rückten Polizei und Feuerwehr an. Zoodirektor Theo Pagel stieg auf das Dach und erschoss den Tiger. Ein Notarzt versuchte, die Pflegerin zu retten. Sie starb im Krankenhaus.
Am Sonntag stehen weder am Eingang noch am Tigergehege Kerzen oder Blumen. Direktor Pagel ist nicht da, er sei am Montag wieder zu erreichen, heißt es aus der Verwaltung. Und: "Der Betrieb läuft weiter wie gewohnt." Eine ältere Dame, die mit einer Freundin etwas abseits vom Tigergehege steht, hält eine rote Rose in der Hand. "Ich habe sie mitgebracht, um sie irgendwo hinzulegen für die arme Frau", sagt sie. "Aber dafür ist hier ja scheinbar kein Platz." Sie werde die Blume wieder mit nach Hause nehmen.
Die Raubtiere waren eine Familie. Mutter Hanya und Vater Altai, der erschossen wurde, hatten im November 2011 Nachwuchs bekommen. Von vier Tigerjungen starb eines nach der Geburt. Seit dem Frühjahr lebt die Familie zusammen in dem Gehege und gehört zu den größten Attraktionen des Zoos.
Wie es zu dem Unglück kommen konnte, ist noch nicht endgültig geklärt. "In Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft versuchen wir, die Hintergründe des Geschehens aufzudecken", sagte Karsten Möllers von der Kölner Polizei der Berliner Morgenpost. "Mit ersten Ermittlungsergebnissen ist erst Anfang der Woche zu rechnen." Nach ersten Erkenntnissen hatte die erfahrene Mitarbeiterin, die seit 1990 im Kölner Zoo beschäftigt war und nach einem Bericht der Zeitung "Express" bereits 2005 von einem Geparden am Hals verletzt worden sein soll, ein Tor nicht geschlossen. Dadurch konnte ihr der Tiger nachstellen und sie angreifen. Vermutet wird, dass sie von hinten durch einen Biss in den Hals verletzt wurde. Als die Frau am Boden lag, ließ das Tier von ihr ab.
Nach dem Unglück wurde Kritik an der Haltung von Raubtieren in Tierparks laut. Jörn Ehlers von der Tierschutzorganisation WWF sagte, in Zoos gehaltene Tiger könnten in freier Wildnis nicht überleben und seien verhaltensgestört. Manfred Niekisch, Direktor des Frankfurter Zoos, dagegen sagte: "Dass Altai die Pflegerin von hinten attackiert hat, spricht eher dafür, dass seine Raubtierinstinkte völlig intakt waren. Tiger greifen nun mal an, wenn man zu ihnen in den Käfig geht." In Nordindien sei es eine Zeit lang zu vielen tödlichen Unfällen mit wild lebenden Tigern gekommen, "und der Ablauf war stets der gleiche wie in Köln: Die Tiere fielen Bauern und Waldarbeiter von hinten an", sagt Niekisch. "Die Unfallserie brach erst ab, als die Behörden auf die Idee kamen, den Menschen Masken mit menschlichen Gesichtern über den Hinterkopf zu streifen oder senkrecht abstehende Äste auf den Rücken zu binden. Das verwirrte die Tiger und hielt sie ab, ihre Opfer von hinten zu attackieren."
Kritik an Pagel, er hätte Altai nicht erschießen müssen, sondern auch mit einem Narkosegewehr betäuben können, wies der Zoo zurück. "Eine Betäubung des Tiers kam nicht infrage", sagt Vorstandsmitglied Christopher Landsberg. "In solchen Fällen steht das Wohl unserer Mitarbeiter über allem, da gibt es nur eine finale Lösung." "Pagel hatte keine andere Wahl, als das Tier zu töten. Bis die Narkose wirkt, dauert es eine Viertelstunde oder länger", sagt auch Niekisch. Zudem soll Pagel von der Polizei aufgefordert worden sein, das Tier zu töten - auch um schnellstmöglich zu der Pflegerin zu gelangen.