Justiz

Prozess um Mord an elfjähriger Lena

Ab heute steht der 18-jährige Tatverdächtige vor Gericht in Aurich

- Der Sexualmord an der elfjährigen Lena in einem Emder Parkhaus im März hatte wie kaum ein anderes Verbrechen in den vergangenen Monaten für Aufsehen gesorgt - auch weil es kurz nach der Tat zu Lynchaufrufen gegen einen fälschlich Verdächtigten gekommen war. Ab Montag muss sich der tatsächliche mutmaßliche Täter vor dem Auricher Landgericht verantworten. Angeklagt ist der 18-Jährige unter anderem wegen Mordes und Vergewaltigung, zusätzlich wegen des versuchten Missbrauchs einer Joggerin einige Monate zuvor.

Das vorerst bis November angesetzte Verfahren wird vor der Jugendkammer des Landgerichts geführt, denn der Angeklagte ist Heranwachsender. Dies dürfte sich nach Überzeugung der Auricher Staatsanwaltschaft auch auf das im Falle einer Verurteilung zu erwartende Strafmaß auswirken. Denn während für einen Mord im Erwachsenenstrafrecht eine lebenslange Haftstrafe droht, liegt die Höchststrafe nach dem Jugendstrafrecht in Deutschland bei zehn Jahren. Die abschließende Entscheidung über die Einstufung des 18-Jährigen, die sich an seinem geistigen Entwicklungstand orientiert, fällt im Prozess.

Es war der 24. März 2012, als die Nachricht von Lenas Tod die ostfriesische Hafenstadt Emden in Aufregung versetzte. Das Mädchen war mit einem Freund zum Entenfüttern in die dortigen Wallanlagen aufgebrochen, einer Art Park in der Stadt. Dann verschwand Lena. Stunden später wurde ihre Leiche in einem nahen Parkhaus entdeckt. Sie war Opfer eines Sexualverbrechens geworden.

Schnell hatten die Ermittler aufgrund der Aufnahmen von Überwachungskameras erste Hinweise darauf, dass es sich bei dem Täter um einen jungen Mann handeln könnte. Nach Hinweisen einer Zeugin nahm die Polizei einen 17-jährigen Berufsschüler aus Emden fest, den sie als möglichen Verdächtigen betrachtete. Zwar betonten die Ermittler die Unschuldvermutung, die kochende Volksseele aber zog ihre eigenen Schlüsse.

Die Festnahme des 17-Jährigen wurde von Anwohnern beobachtet und in sozialen Netzwerken sofort verbreitet. Vor dem Emder Polizeirevier versammelte sich eine rund 50-köpfige aufgebrachte Menschengruppe, die stundenlang ausharrte und die Herausgabe des Jugendlichen forderte - verbunden mit Äußerungen, die sich nach Angaben von Polizeivizechef Martin Lammers "nur als Aufruf zur Lynchjustiz deuten lassen". Im Internet gab es weitere Beschimpfungen und Todesdrohungen.

Die Vorgänge sorgten bundesweit für Entsetzen - erst recht, als sich der junge Mann drei Tage später aufgrund von DNA-Tests als unschuldig erwies. Die Ermittler gerieten wegen der Festnahme des Schülers in Kritik. In Emden demonstrierten Hunderte gegen die Vorverurteilung. Ein 18-Jähriger, der den Auflauf mit einem Facebook-Aufruf auslöst hatte, wurde später zu 14 Tagen Arrest verurteilt.

Der jetzt Angeklagte aus Emden ging den Beamten einige Tage später ins Netz. Nach anfänglichem Leugnen gestand er die Ermordung von Lena, zusätzlich wurde er durch Beweismittel überführt. Wie die Ermittler damals bekannt gaben, kannte er das Parkhaus durch sein Hobby, den Klettersport Parcours, bei dem Gebäude als Hindernisse dienen, sehr gut. Bislang schwieg er zu Einzelheiten.