Militär

Vergewaltigt und in einen Spind gesperrt

Neuer Skandal bei der Bundeswehr: In einer Kaserne in Niedersachsen wird eine junge Soldatin missbraucht. Der Täter ist auf der Flucht

- Ein bisher unbekannter Täter hat in der Jägerkaserne in Bückeburg (Niedersachsen) eine junge Soldatin vergewaltigt. Bei dem Opfer soll es sich um eine Unteroffizierin aus der Bückeburger Heeresfliegerwaffenschule handeln. Nach der Tat soll der Mann ihr ein Mobiltelefon in den Spind gelegt haben, damit sie Hilfe rufen konnte. Ob das angesichts der Fesselung möglich war, ist jedoch unklar, ebenso wie die Umstände ihrer Befreiung.

Nach dem Täter werde noch gesucht, sagte Klaus-Jochen Schmidt, Sprecher der Staatsanwaltschaft Bückeburg. Einem Bericht der "Schaumburg-Lippischen Landes-Zeitung" wurde ein zunächst Verdächtiger wieder auf freien Fuß gesetzt.

Verdächtiger wieder freigelassen

Gegen den Zivilmitarbeiter der Kaserne habe sich nichts Belastbares ergeben, berichtet die Zeitung. Laut Staatsanwalt soll die Tat am Sonntagabend in der Zeit zwischen 18.30 bis 19.30 Uhr passiert sein. Schmidt wollte keinerlei weitere Angaben zum Tathergang und -ablauf machen.

Nach Medieninformationen ereignete sich die Vergewaltigung im Block A der Kaserne, wo die IV. Inspektion einquartiert ist, die Offiziers- und Unteroffiziersanwärter ausbildet.

Sofort nach der Entdeckung wurde die Kaserne abgesperrt, die Zufahrt zum und die Abfahrt vom Gelände mitten in der Innenstadt sollen nicht mehr möglich gewesen sein. Die am Sonntagabend in die Jägerkaserne zurückkehrenden Soldaten stauten sich vor dem Tor, berichten Medien. Die Staatsanwaltschaft sagte, man arbeite "mit Hochdruck" an der Aufklärung des Falls, sagte Schmidt. Auch die Feldjäger sind in den Fall eingeschaltet, sagte ein Sprecher des Heeresamts in Köln. Die junge Frau werde psychologisch betreut, sagte er. Mit Soldaten aus ihrem Bekanntenkreis würden Gespräche geführt. Die Betroffenheit der Soldaten in der Kaserne sei groß, berichtete der Sprecher der Heeresfliegerwaffenschule, Oberstleutnant Michael Baumgärtner. "Jeder hofft, dass das so schnell wie möglich aufgeklärt wird", sagte er.

Noch ist aber unklar, ob der Verdächtige unter den Soldaten zu finden ist. Die Polizei wertet die elektronische Zufahrtskontrolle zur Kaserne aus. Er könne nicht ausschließen, dass möglicherweise jemand von außen in die Kaserne eingedrungen ist, sagte Schmidt. Laut Baumgärtner ist das Gelände aber gesichert, "wie alle Kasernen gesichert sind".

Der Wehrbeauftragte des Bundestags, Hellmut Königshaus, will den Vorfall überprüfen. Ob er dann aktiv werde, sei aber noch unklar, sagte sein Sprecher. Zunächst müssten Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln. Ein solcher Vorfall sei jedoch sehr ungewöhnlich.

Es gebe kaum sexuelle Übergriffe in der Truppe, sagte der Sprecher. "Glücklicherweise sind solche Fälle absolute Einzelfälle", betonte er. Dem widersprach jedoch der wissenschaftliche Direktor am Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr, Gerhard Kümmel. "In unserer Erhebung von 2008 haben fünf Prozent der Soldatinnen einen versuchten oder tatsächlichen sexuellen Gewaltakt gemeldet", sagte Kümmel der "taz". Kümmel erforscht die Öffnung der Bundeswehr für Frauen. Im Jahresbericht des Wehrbeauftragten für das Jahr 2011 heißt es lediglich, dass "frauenfeindliches Verhalten, entsprechende Bemerkungen durch Kameraden oder Vorgesetzte oder sexuelle Belästigung vereinzelt berichtet" worden sei. In der Jägerkaserne in Bückeburg sind nach Bundeswehrangaben etwa 500 bis 600 Soldaten untergebracht, darunter nur fünf bis sechs Frauen.

In den vergangenen Jahren haben sich die Skandale bei der Bundeswehr gehäuft: Erst kürzlich klärte sich auf, dass der Feldpost-Skandal Ende 2010 von einer Sortiermaschine verursacht war. Von systematischer Öffnung und Postkontrolle war damals die Rede. Der Wehrbeauftragte des Bundestags hatte bei einer Afghanistan-Reise Ende 2010 mehrere Soldaten getroffen, die über nicht korrekt ausgelieferte Feldpost klagten. Für den damaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) war damit Affäre Nummer drei geboren: Kurz nach dem tödlichen Schießunfall in Afghanistan und parallel zu den Vorwürfen um eine "Meuterei" auf der "Gorch Fock" wurde er beschuldigt, seinen Laden nicht im Griff zu haben.

Gorch Fock und die Feldpost-Affäre

Eine 25-Jährige war im November 2010 bei einer Übung von einem Mast gestürzt. Offiziersanwärter berichteten daraufhin, sie seien von Vorgesetzten bedrängt worden, weiter in die Masten zu steigen. Nach Medienberichten, die sich auf Erkenntnisse einer von Königshaus entsandten Ermittlungskommission beriefen, soll es an Bord zudem Alkoholexzesse und menschenverachtende Äußerungen gegeben haben. In dem Brief des Wehrbeauftragten an Guttenberg wird auch eine mögliche sexuelle Belästigung erwähnt.

In einem kleinen Außenposten der Bundeswehr in Afghanistan kam im Dezember 2010 ein 21-Jähriger durch einen Schuss aus der Waffe eines Kameraden ums Leben. Durch die Mitteilungen der Bundeswehr zu dem Vorfall, war der Eindruck entstanden, es habe sich um einen Unfall beim Waffenreinigen gehandelt. Die Opposition warf Guttenberg vor, Öffentlichkeit und Parlament über die wirklichen Umstände getäuscht zu haben.