Rettung

Nur ein Stück Schokolade pro Tag

Gefangen im Eis: Eine Woche überlebte ein 70-Jähriger in einer Gletscherspalte in den Alpen

Wie überlebt man sechs Tage und sechs Nächte allein in einer Gletscherspalte? Das fragten sich auch die Ärzte an der Innsbrucker Universitätsklinik, in die ein 70 Jahre alter Bergsteiger aus dem bayrischen Ort Schmidmühlen im Kreis Amberg-Sulzbach eingeliefert wurde, nachdem ihn die Bergretter aus seinem Gefängnis im Eis befreit hatten. Ihr Fazit nach den ersten Gesprächen: Ihr zurzeit prominentester Patient dürfte über außerordentliche mentale Stärke verfügen.

"Als passionierter Bergsteiger war er gut trainiert, gut ausgerüstet und konnte sich gut organisieren", sagte Volker Wenzel, der stellvertretende Direktor der Anästhesie der österreichischen Tageszeitung "Kurier".

Gläubig und mental stark

Die Tafel Schokolade in seinem Rucksack habe er sofort rationiert und jeden Tag nur ein Stückchen gegessen. Dazu habe er Gletscherwasser getrunken. Vor allem aber habe der 70-Jährige "nie die Hoffnung aufgegeben, dass er seine Familie wiedersieht". Aber der Gedanke an ein Wiedersehen mit seiner Familie - er hat zwei Söhne - habe ihm Kraft gegeben. Zudem sei er gläubig. "Er ist mental stark, hat die Hoffnung nie aufgegeben - das macht den Unterschied", sagt Wenzel. Als Intensivmediziner in einer Alpenregion ist der Arzt häufig mit Bergdramen konfrontiert und unterstreicht, wie wichtig die Psyche für das Überleben in Extremsituationen ist. Menschen, die in sich ruhten, seien deutlich zäher.

Der Bayer war am Morgen des 8. August zu seiner Wanderung aufgebrochen. Das hat der Wirt der Hütte, in der er zuletzt übernachtet hatte, inzwischen gegenüber mehreren österreichischen Medien bestätigt.

Wenig später rutschte er auf einem Gletscher aus und stürzte in eine schulterbreite, 20 Meter tiefe Spalte. "Da unten in der Gletscherspalte ist es ein wenig wärmer", sagte Franz Santer, der Einsatzleiter der Bergrettung der "Tiroler Tageszeitung". Neben dem Rucksack, den er bei sich hatte, und dem Glück, dass er sich beim Sturz nur leicht verletzt hatte, habe das entscheidend dazu beigetragen, dass der ältere Herr seine Wanderung überlebt hat. Beim Sturz sei er mehr gerutscht als gefallen, sagt sein Arzt Volker Wenzel, er habe sich mit einem Hüftbruch nur relativ leicht verletzt. Er habe gewartet und gedöst, erzählte der Mann später seinem Arzt, mal im Sitzen, mal im Stehen, mal auf ein Podest gestützt. "Er wusste, wenn er einschläft, wacht er im Jenseits wieder auf", sagte Wenzel laut "Kurier".

Auch über seinen Tod habe der Bayer nachgedacht, schreibt die "Tiroler Tageszeitung", aber dann beschlossen: "Jetzt noch nicht." Weil er laut Hüttenwirt alleine und ohne Anmeldung unterwegs gewesen sei, fiel seine Abwesenheit niemandem auf - bis drei ebenfalls deutsche Bergsteiger am Dienstag gegen 12.15 Uhr seine Hilferufe hörten und Alarm schlugen.

Die Bergung sei schwierig gewesen, beschrieb der Alpinpolizist Hansjörg Knoflach bei einer Pressekonferenz den Einsatz. "Die Bergrettung musste Eisschrauben setzen, eine Seilverankerung aufbauen und den Mann mittels Mannschaftsseilzug bergen." Unmittelbar danach sei der bayrische Bergsteiger "total erschöpft, total mitgenommen, total durchnässt - aber ansprechbar gewesen", sagte Knoflach, "für dieses Ereignis eigentlich in einem guten Zustand".

Der Bayer habe unglaubliches Glück gehabt, sagte Anästhesist Volker Wenzel. Trotzdem werde er noch bis Donnerstag auf der postoperativen Intensivstation versorgt. Es gelte abzuklären, ob unfall- oder gefäßchirurgische Operationen nötig seien. Dass der Bayer - wie von Bergrettern kritisiert - alleine auf dem Gletscher unterwegs war, will der Arzt nicht bewerten. "Er sagte mir, es sei schwierig für ihn, Gleichgesinnte zu finden, die das so intensiv betreiben wie er." Seinen Angehörigen habe er wohl mitgeteilt, eine Woche im hochalpinen Gebiet ohne Handyempfang unterwegs zu sein, deshalb sei sein Verschwinden nicht aufgefallen, vermutet der Mediziner.

Der Mann sei mit 34 Grad Körpertemperatur geborgen worden, "das ist erstaunlich viel - nur eine milde Unterkühlung", sagt der Arzt. Spätestens bei 30 Grad Körpertemperatur verliere der Mensch das Bewusstsein. Seine Füße könnten aber Schäden davon getragen haben. Außerdem seien seine Nieren wegen des mineralienarmen Gletscherwassers überlastet. Insgesamt sei der Zustand des 70-Jährigen aber "sehr stabil". Dafür spricht auch der erste und einzige Wunsch, den der Bayer laut Auskunft des Arztes in der Klinik geäußert hat: eine halbe Maß Bier - eine ganze sei ihm einfach zu viel.