Kanaren

"Hier ist ein Paradies zerstört worden"

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Ute Müller

Auf der Kanareninsel La Gomera toben Waldbrände. Ein Viertel des Nationalparks wurde vernichtet

- Roberto Durante hat die ganze Nacht nicht geschlafen. Wie alle Einwohner der Kanareninsel La Gomera hielt ihn der schrecklichste Waldbrand in Atem, den das Eiland je erlebte. "Der Nachthimmel war rot-gelb gefärbt", so Roberto. Was sich derzeit auf der beliebten Ferieninsel abspielt, ist an Dramatik kaum zu überbieten. Ein bereits gelöschter Waldbrand ist wieder aufgeflammt, mit mehr Vehemenz als zuvor, Feuerzungen von 15 Meter Höhe erinnern an den Katastrophenfilm "Flammendes Inferno".

Grund für die Brände ist vor allem die lang anhaltende Trockenheit. "Dieses Jahr fiel nur ein Viertel der üblichen Niederschlagsmenge, der Boden ist bis in die Tiefe ausgetrocknet. So schwelten die Brandherde weiter. Windböen von bis zu 50 Stundenkilometern, Temperaturen bis 39 Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von gerade einmal 30 Prozent bildeten einen unheilvollen Mix, der die Löscharbeiten extrem schwierig macht", erklärt Humberto Gutiérrez, Leiter des kanarischen Katastrophenschutzes. Zu Wochenbeginn mussten 5000 Menschen, fast ein Viertel der Bevölkerung, ihre Häuser verlassen. Am Dienstag waren noch mehrere Hundert Betroffene in Notunterkünften untergebracht, obwohl die ersten zurückkehren durften. Besonders schwer betroffen war die Gemeinde Valle Gran Rey. "Wir sahen schon eine Feuerwalze auf uns zukommen, aber der Wind hat sich zu unserem Glück gedreht", so Olivier Méndez, der Pächter der dortigen Tankstelle. Von Glück möchte hingegen Angel Benito López, der Direktor des Nationalparks Garajonay, nicht reden. Bisher fielen 4000 Hektar Wald den Flammen zum Opfer, 750 Hektar davon gehören zum Park. Garajonay zählt wegen seines einzigartigen Lorbeerwaldes, dem größten der Erde, seit 1986 zum Weltnaturerbe der Unesco. Jahr für Jahr bestaunen Tausende von Touristen die von Moos und Flechten bewachsenen Bäume. "Jedes Stückchen Wald, das abbrennt, ist ein nicht wiedergutzumachender Schaden", sagt López. Ein Viertel ist schon für immer verloren. "Das hier ist ein ökologisches Desaster", klagte Javier Gónzalez Ortiz, der bei der kanarischen Regierung für Sicherheitsfragen zuständig ist. "Hier ist ein Paradies zerstört worden", sagt eine Bewohnerin.

Tatsächlich ist die Bilanz dieses Jahres düsterer denn je. Laut WWF brachen in Spanien 2012 schon 11.000 Brände aus, 130.000 Hektar Wald wurden vernichtet. "Das ist eine viermal so große Fläche wie letztes Jahr", sagte ein WWF-Sprecher.

Einmal mehr fühlen sich die Kanaren von der Regierung in Madrid im Stich gelassen, weil die nicht schnell genug Löschflugzeuge schickte. Empört ist man auch, dass sich Landwirtschaftsminister Miguel Arias Cañete nicht auf Gomera sehen ließ. Der schob den Schwarzen Peter der Inselregierung zu. Die habe große Löschflugzeuge zu spät angefordert, ließ er wissen.

Im Landwirtschaftsministerium weiß man freilich, warum 2012 besonders viele Wälder brennen. Es liegt auch an der Sparpolitik der Regierung. Den Gemeinden wurden die Gelder zusammengestrichen, fatalerweise setzten viele Rathäuser den Rotstift bei der Brandprävention an.