New York

Zwölf Schüsse am Times Square

Vor den Augen Hunderter Passanten haben New Yorker Polizisten einen Mann erschossen

- Die Konfrontation begann um drei Uhr am Sonnabend Nachmittag gleich neben dem Times Square in New York - dort, wo 44. Straße und die Seventh Avenue zusammenstoßen. Darrius Kennedy, ein 51 Jahre alter Mann, wurde von einem Polizisten dabei beobachtet, wie er etwas rauchte, das einem Joint ähnlich sah. Der Polizist versuchte, Kennedy zur Rede zu stellen, der aber reagierte aggressiv. Mehr Polizei kam dazu. Als sie versuchten, seinen Weg abzuschneiden, zog Kennedy ein Küchenmesser von Ikea mit einer 15-Zentimeter-Klinge. Er ging rückwärts sieben Häuserblocks die Seventh Avenue hinunter, während er das Messer schwenkte. "Er floh nicht", sagte der Polizeisprecher Paul Browne. "Er zog sich zurück, während er die Polizisten und die Öffentlichkeit mit dem Messer bedrohte."

Darrius Kennedy war vorher schon zehnmal von der Polizei festgenommen worden: weil er Marihuana und Waffen und gestohlenes Eigentum besessen hatte. Seine Familie erinnert sich ganz anders an ihn. Sie meint, er sei ein freundlicher Mann gewesen, der in seiner Kirchengemeinde in dem Dörfchen Hempstead auf Long Island die Bassgitarre spielte. Allerdings gibt seine Familie auch zu, dass sie schon vor längerer Zeit den Kontakt zu ihm verloren hat. Im Oktober 2008 war er von der Polizei aufgegriffen worden, weil er am Times Square Mülleimer umgeworfen hatte. Zur psychiatrischen Untersuchung wurde er ins Bellevue Hospital im Südosten von Manhattan eingewiesen. Einen Monat später ging Kennedy auf der Höhe der 66. Straße auf der Mitte der Fahrbahn den Broadway entlang und schleuderte den Autos Flüche entgegen. Als die Polizei ihn verhaften wollte, bedrohte er sie mit einem Schraubenzieher. "Ich mache euch kaputt", sagte er. "I'm going to fuck you up." Diese Episode trug ihm 40 Tage im Gefängnis ein.

Pfefferspray zeigte keine Wirkung

Als Darrius Kennedy sich nun mit gezücktem Messer die Seventh Avenue hinunterbewegte, kamen immer mehr Polizisten hinzu; mehrfach forderten sie ihn auf, seine Waffe niederzulegen. Vier Polizisten nebelten ihn gleich sechsmal hintereinander mit Pfefferspray ein - dies schien ihn kaum zu beeindrucken. Zuletzt versuchten zwei Beamte mit Polizeiautos, die auf dem Gehweg geparkt wurden, Darrius Kennedy den Weg abzuschneiden. Dies geschah an der Ecke der 37. Straße und der Seventh Avenue. Kennedy drückte sich am ersten Auto vorbei; aus dem zweiten Auto stiegen zwei Polizisten aus, um ihm entgegenzutreten. Laut Polizeisprecher Paul Browne griff Kennedy die beiden daraufhin mit seinem Messer an. Die Polizisten zogen ihre Dienstwaffen. Der eine Polizist, ein 33 Jahre alter Mann, schoss neunmal, sein 40-jähriger Kollege schoss dreimal. Keiner von beiden hatte jemals zuvor seine Dienstwaffe abgefeuert. Darrius Kennedy wurde mindestens siebenmal getroffen. Danach wurde er ins Bellevue Hospital eingeliefert - eben jenes Krankenhaus, in dem man ihn vor vier Jahren psychiatrisch untersucht hatte. Er starb an Einschüssen in die Brust, die Leistengegend, die linke Wade und den linken Arm.

Passanten haben den Vorfall gefilmt. Das Video im Internet und die Blutflecken Kennedys auf der Straße - beides war am Montag eine Attraktion. In New York und auf der ganzen Welt. Ein Handyvideo auf der Website der "New York Times" zeigt, wie der vor der Polizei zurückweichende Mann von einem Passanten aufgefordert wird, sich auf den Boden zu legen: "Die werden dich erschießen, Bruder!" Auf den Videos ist zu sehen, wie Passanten den Vorfall filmen.

Die Todesschützen wurden zu Schreibtischdiensten abkommandiert, während der Vorfall untersucht wird - das ist in solchen Fällen Routine. Raymond Kelly, der langjährige Polizeichef von New York, stellte sich unterdessen ohne Wenn und Aber hinter seine Beamten. "Ich denke, die Polizei hat angemessen reagiert", sagte er in einer Pressekonferenz am Sonntag. Auch Michael Bloomberg, New Yorks Bürgermeister, kann am Verhalten der zwei Todesschützen nichts Tadelnswertes entdecken. "Er hatte ein Messer, und er bedrohte Leute", sagte er über den Toten. "Es war eben ein schreckliches und unglückliches Ereignis." Die Familie von Darrius Kennedy sieht das naturgemäß ein wenig anders. "Man braucht keine zwölf Kugeln, um einen Menschen zu töten", gab Kennedys Tante zu Protokoll, "ich denke, es hätte anders geregelt werden können." Und seine Cousine meinte: "Ich denke, sie hätten einen Warnschuss abfeuern können, vielleicht einen Schuss in den Arm oder ins Bein."

Wer Erfahrung mit Handfeuerwaffen hat, der weiß: Es ist schwer, mit Pistolen zu zielen. Jene Kinoszenen im Schießstand, wo Leute über große Distanzen punktgenau Löcher in Schablonen stanzen, sind alles andere als realistisch. In der Praxis kann man froh sein, wenn man auch nur den Umriss trifft. Dies gilt umso mehr unter Stress, wenn der Körper von Adrenalin geflutet wird und die Hände anfangen zu zittern. Scharfschützen, die weit vom Geschehen entfernt mit Gewehr und Zielfernrohr liegen, können durchatmen und ihr Ziel mit einem Schuss treffen; Polizisten in einer bedrohlichen Situation schießen eher ihre Magazine leer. Dabei ist das New York Police Department die am wenigsten schießwütige Polizeibehörde in Amerika. 2011 wurden acht Menschen in New York von der Polizei erschossen; für eine Großstadt mit acht Millionen Einwohnern gilt das als wenig.