Artenschützer

Interpol jagt Umweltaktivist Paul Watson

Der umstrittene Artenschützer war in Frankfurt festgenommen worden - jetzt ist er auf der Flucht

- Es ist eine zweifelhafte Ehre, aber dennoch: Schließlich kann nicht jeder einfach so auf der Fahndungsliste von Interpol landen. Für gewöhnlich sind es nur die kriminellen Köpfe hinter besonders schlimmen und großen Verbrechen, die von der internationalen Polizeiorganisation zur Fahndung ausgeschrieben werden. Dazu gehörte beispielsweise der Sohn des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi nach dem Sturz des Regimes. Oder Jean-Claude Mas, der wegen des Verkaufs von Tausenden potenziell krebserregenden Silikonimplantaten in Frankreich gesucht wurde.

So unterschiedlich die Fälle auch sind, die von der International Criminal Police Organization mit Sitz im französischen Lyon bearbeitet werden - ihnen gemein ist die herausragende Dimension des Verbrechens. Diese ist oft politisch - und um solch einen Fall handelt es sich auch bei der jetzt eingeleiteten Fahndung nach Paul Watson. Der Vorwurf gegen den Umweltaktivisten: Behinderung der Schifffahrt. Costa Rica, das Watson diese Straftat zur Last legt, hat die Polizeiorganisation mit ihren 190 Mitgliedsstaaten nun um Hilfe gebeten, um Watson zu ergreifen.

Denn der 1950 im kanadischen Toronto geborene Aktivist ist auf der Flucht. Mitte Mai war er bei der Einreise nach Deutschland am Frankfurter Flughafen aufgrund eines internationalen Haftbefehls festgesetzt worden. Er wurde zwar auf Kaution von 250.000 Euro auf freien Fuß gesetzt, durfte Deutschland aber bis zum Abschluss eines von Costa Rica angestrebten Auslieferungsverfahrens nicht verlassen. Auch aus Japan lag ein Auslieferungsantrag vor. Watson nutzte daraufhin seinen Aufenthalt, um für sein Anliegen, den Artenschutz, zu werben. So kam er auch zu einer Demonstration vor der Siegessäule in Tiergarten, wo er gegen die Überfischung der Ozeane wetterte. Ende Juli floh er jedoch aus Deutschland. Sein Aufenthaltsort: unbekannt. Deshalb wird er jetzt von Interpol gejagt.

Watson ist die vielleicht schillerndste Figur der internationalen Umweltschutzszene. Er war eines der ersten Mitglieder von Greenpeace, seine Mitgliedsnummer ist "007". Zu behaupten, er habe in Aussehen und Coolness etwas mit dem gleichnummerigen Agenten seiner Majestät gemein, wäre zwar falsch. Doch die Aktionen, mit denen Watsons Organisation Sea Shepherd ("Meeres-Hirte") für Artenschutz in den Weltmeeren kämpft, stehen den spektakulären Agentenfilmen gelegentlich in nichts nach - und haben ihm regelmäßig Ärger mit der Justiz eingebracht.

Wasserkanonen gegen Fischer

Der Fall, der ihn jetzt in die Fahndungsliste katapultiert hat, geschah 2002. Damals drehte er vor Guatemala einen Film über die Jagd auf Haie. Mit einer Wasserkanone soll er die Besatzung eines Kutters beschossen haben, um sie daran zu hindern, den Haien bei lebendigem Leib die Flossen abzuschneiden. Mit solchen militanten Aktionen sorgt Watson regelmäßig zur Walfangsaison für Aufsehen.

Wo das Repertoire anderer Umweltschutzverbände aufhört, beginnt sein Aktionismus. Greenpeace kehrte er nicht zuletzt deshalb den Rücken, weil er die Organisation mittlerweile für einen "Haufen tatenloser Bürokraten" hält. Seine Gegner nennen ihn einen Ökoterroristen. So lässt Watson Walfänger mit Drohnen überwachen, soll sie auch mit Stinkbomben beschießen und will nach eigenen Angaben schon zehn Walfänger versenkt haben. Eine Strategie, die er "aggressive Gewaltlosigkeit" nennt.

Seine Anhänger und Helfer bezahlt er nicht und verlangt von ihnen völlige Hingabe für seine Sache. Was durchaus gefährlich werden kann: Bei einem Zusammenstoß mit der japanischen Küstenwache wurde er selbst einmal verletzt - angeschossen, wie er behauptete. Japan wies das immer als dreiste Lüge zurück.

Seiner Popularität freilich hat das keinen Abbruch getan - im Gegenteil. Zu Watsons Unterstützern gehören unter anderen Mick Jagger von den Rolling Stones und die Red Hot Chili Peppers. Das "Time Magazine" ernannte Watson zu einem der "Helden des 20. Jahrhunderts". Die britische Zeitung "The Guardian" kürte ihn zu einem der "50 Menschen, die den Planeten retten könnten".

Dass er nun von Interpol gejagt wird, dürfte ihn auf seiner Flucht kaum weniger bekannt machen. Auch wenn es eine zweifelhafte Ehre ist.