Silvia Seidel

Der traurige Schwan

Sie war immer Anna geblieben: Fernsehstar Silvia Seidel starb mit 42 Jahren in ihrer Wohnung

- Ich sehe die Nachricht im Fernsehen und rufe sofort meine Mutter an. Silvia Seidel ist tot, "deine Anna", sagt meine Mutter. Damals mag sie meine Sammelwut belächelt haben, heute tut es auch ihr leid, dass diese junge Frau scheinbar keinen anderen Ausweg gesehen hat, als ihrem Leben ein Ende zu setzen. Als ich elf Jahre alt war und gleich mit der ersten Folge der Weihnachtsserie "Anna" zum Fan wurde, da schien Silvia Seidel so viel erwachsener zu sein, unerreichbar wie jeder Star. Jetzt lese ich "Einsamer Tod mit 42", und mir fällt auf, dass sie bloß sechs Jahre älter war als ich. Und ich bin traurig und ein bisschen beschämt, dass der einzige Mensch, der Seidel vermisst haben soll, die Wirtin ihrer "Stammkneipe" ist.

Das passt nicht zu den Bildern, die ich im Kopf habe, und auch nicht zu denen, die sorgsam abgeheftet in Klarsichthüllen in zwei blauen Ordnern auf dem Dachboden meiner Eltern liegen. Anna mit "Rainer" Patrick Bach. Anna als Schwarzer Schwan. Anna beim Tanzen des "Bolero". Silvia Seidel bei der Verleihung der Goldenen Kamera in diesem Jungmädchenabendkleid mit lilafarbenen Puffärmeln. Jeden Schnipsel habe ich gesammelt. In dem großen Karton auf dem Dachboden liegen "Anna"-Hörspielkassetten, "Anna"-Bücher, "Anna"-Schallplatten, ein "Anna - Der Film"-Poster und vielleicht sogar der grüne Stift mit Silvia-Seidel-Aufdruck, den ich bekommen habe, nachdem ich das einzige Mal in meinem Leben in einen Fanklub eingetreten bin. Ballett fand ich als Kind immer doof, das war was für Mädchen, und ich hatte nur Jungs als Freunde. Weihnachten 1987 änderte sich das, und während im Folgejahr in Deutschland kollektiv die Ballettschulen gestürmt wurden, war ich natürlich längst viel zu alt dafür. Also übte ich heimlich im Badezimmer und verknackste mir heftig den Fuß.

Treue Fans haben nicht nur "Anna" geschaut und "My Love Is A Tango" gehört, sondern sind später auch ins Kino gegangen, um den US-Streifen "Ballerina" anzugucken. Wieder eine Tanzgeschichte - an den genauen Inhalt erinnert sich heute wohl kaum jemand. Die australische Science-Fiction-Serie "Quer durch die Galaxie und dann links" floppte, in den deutschen Gazetten wurde es still um das Mädchen, das einmal Millionen Zuschauer vor dem Fernsehgerät versammeln konnte. Seidel spielte fortan lieber Theater. Ich habe sie selbst noch zweimal in einem Boulevardstück gesehen, unterhaltsam und sehr belanglos. Einmal habe ich mich tatsächlich an den Bühnenausgang gestellt und um ein Autogramm gebeten. Der Kindheitserinnerungen wegen. Heute frage ich mich, ob ich wirklich so etwas gesagt habe wie: Ich war ein riesiger Anna-Fan! Und hoffe inständig, dass es nicht so war, weil sie es doch bestimmt gehasst hat. So wie Romy Schneider es gehasst hat, immer nur auf Sissi angesprochen zu werden.

In den vergangenen Jahren hatte sie Gastauftritte in Serien wie "Forsthaus Falkenau" oder "Die Rosenheim-Cops". Sie war kein Star geworden, nichts von den überschwänglichen Prognosen von vor 25 Jahren hatte sich bewahrheitet. Wie hart das Leben eines Schauspielers sein kann, hat Silvia Seidel selbst einmal in einem Interview beklagt. Sie sei "oft arbeitslos" und wisse nicht, wovon sie die Miete zahlen solle. Was letztendlich den Ausschlag dafür gegeben hat, dass die Schauspielerin allein in ihrer Küche gestorben ist und erst nach Tagen entdeckt wurde, wird man vermutlich nicht erfahren. Neben ihr lag ein Abschiedsbrief. "Zumindest beruflich wäre es weitergegangen", sagt ihre Agentin.

Bald werde ich auf dem Dachboden meiner Eltern nach dem großen Karton mit den Erinnerungen an Silvia Seidel suchen, der eigentlich doch bloß immer nur eine "Anna"-Sammlung geblieben ist.