Helmut Schmidt

"Glück ist ein sehr relativer Begriff"

Hanseatisch zurückhaltend spricht Helmut Schmidt bei Sandra Maischberger von seiner neuen Partnerschaft

- Dann kommt er wieder angefahren. Mit seinen Reyno-Zigaretten wie immer. Und einem Hörgerät, das er inzwischen auch dringend braucht. Die Haare, die früher immer so voll waren, sind inzwischen etwas lichter geworden. Aber, das sieht man gleich hier in Hamburg-Tonndorf, der Mann im Rollstuhl ist hellwach. Er grient ein wenig, als er durch die Studiotür geschoben wird. Und er möchte keinen Kopfhörer auf die Ohren haben für seinen Fernsehauftritt. Es geht doch auch ohne. Ein bisschen eitel ist er ja, der beliebteste Alt-Kanzler der Welt.

Helmut Schmidt zu Gast bei Sandra Maischberger, der Senioren-Beauftragten des deutschen Talk-Wesens, Journalistin seines Vertrauens. Man darf es sich ja aussuchen in seinem Alter, bei seiner Vita, bei seiner TV-Quote. Wer Helmut Schmidt zu Gast hat, das steht schon vor der ersten Sendeminute fest, gehört am nächsten Tag garantiert zu den Gewinnern des abendlichen Rattenrennens. Erst recht, wenn die Möglichkeit nahe liegt, dass Helmut Schmidt, bei dem früher jeder immer Loki gleich mitgedacht hat, plötzlich über Ruth spricht. Ruth Loah, Sekretärin schon zu Sturmflutzeiten, Loki nicht unähnlich, Assistentin, Seelenverwandte. Nun, zwei Jahre nach dem Tod der Ehefrau, auch ganz offiziell: Lebensgefährtin.

Eine "Neue" also, im Alter von 93. "Sind Sie glücklich?", fragt deshalb munter gleich Frau Maischberger und bekommt einen typischen Schmidtsatz als Antwort serviert: "Glück ist ein sehr relativer Begriff, da würde ich einen Augenblick zögern ..." Dann lächelt er, fast bubenhaft verschmitzt, zu Frau Maischberger hinüber. Es sei eine "quasi selbstverständliche Entwicklung" gewesen, das Ruth Loah und er zusammengefunden haben nach Lokis Tod. Man habe sich nicht lange umstellen müssen, die Dame rauche ebenfalls, wenn auch nicht ganz so ausführlich wie er. Kurzum: "Wir waren ja aneinander gewohnt seit Jahrzehnten."

Spott und Überheblichkeit

Dann mag Schmidt nichts mehr sagen zu diesem Thema. Er lässt stattdessen ein bisschen Reyno-Dampf ab, atmet schwer, schlürft einen Kaffee, strafft sich wieder, schließlich geht es jetzt um den Euro. Zu besichtigen ist nicht mehr Schmidt, der privat Verliebte, sondern Schmidt, der öffentliche Weltökonom. Von dem bekommen zuerst die Engländer einen auf die Mütze, deren "Sorge" um den Euro zumindest teilweise von "Schadenfreude" getrieben sei. Auch die Herren Rösler (FDP) und Söder (CSU) können sich gerade nicht wehren gegen Spott und Überheblichkeit des Altkanzlers. Deren Plädoyer für einen Ausschluss der Griechen aus der Euro-Zone teilt Schmidt nicht, er findet stattdessen: "Es war ein Fehler, die Griechen aufzunehmen", jetzt aber "müsse man die Konsequenzen tragen". Punkt. Weitere Rauchwolken. Weitere Sorgen.

Die Euro-Krise also, die für Schmidt eine "Schuldenkrise" bleibt, auch wenn er die Sorge um den Euro nicht mehr wegdrücken könne angesichts des zuständigen Personals. Es wäre ja nicht so tragisch, sagt der Altkanzler, "wenn man das Gefühl hätte, dass es jemanden gibt, der den Überblick hat. Den gibt es derzeit leider nicht." Merkel, Monti, Draghi, Juncker, alle okay, aber so richtig eben doch nicht. Der Ball liegt damit auf dem Punkt.

Also fragt Sandra Maischberger, was sie an dieser Stelle fragen muss: Ob Helmut Schmidt selbst nicht vielleicht derjenige sei, welcher? Schmidt wehrt ebenso pflichtgemäß wie geschmeichelt ab: "Nein, ich bin ein alter Mann." Außerdem sei es ja auch wirklich schwierig, Europa zu führen: Die Briten wollten noch nie, die Franzosen müssten eigentlich, man wisse aber noch nicht, ob die jetzige Staatsspitze auch könnte. Ja, und wir? Frau Merkel?

Die Deutschen, sagt dieser Kanzler des vergangenen Jahrhundert dann, die Deutschen, die täten inzwischen vielleicht so, als wären sie handlungsfähig. In Wahrheit seien sie es wegen ihrer braunen Vergangenheit aber nicht. "Auschwitz, der Mord an sechs Millionen Juden, der Zweite Weltkrieg", das alles dominiere das europäische Unterbewusstsein, sagt Helmut Schmidt und schließt den langen Weg vom Wehrmachtsoffizier an der Westfront zum Politik-Weisen aus Hamburg, schließe eine führende Rolle Deutschlands in Europa am Ende aus. Womöglich noch auf Jahrhunderte. Treffer: versenkt.

Es dampft jetzt richtig in Maischbergers Studio. Die Zeit der unbequemen Schmidtschen Grundwahrheiten hat begonnen, gegen die man schlecht anargumentieren kann, die sich aber als Maßstab realer Politik nicht recht eignen. Merkel muss ja, schon wegen ihres Amtseides versuchen, Europa in eine von ihr, noch besseren Falls auch vom Parlament als vernünftig erkannte, Richtung führen. Sollte sie es, mit Verweis auf das "europäische Unterbewusstsein" besser lassen?

Kritik an Merkel

Die Kanzlerin, sagt Schmidt, "muss europäisch denken, wenn sie an Deutschland denkt." Er geht nicht zimperlich um mit Angela Merkel an diesem Tag. Wenn man ihn richtig verstanden hat in seiner Mischung aus Klartext, Schweigen und Andeutungen, dann traut er Wolfgang Schäuble eher zu, Europa durch die Krise zu führen. Merkel und auch Joachim Gauck, der Bundespräsident, seien schließlich in der DDR aufgewachsen und dächten "erst seit 1989" europäisch. Puh.

Man ist ganz froh am Ende dieser eineinviertel Stunden hanseatischer Selbstgewissheit, wenn die Rede dann doch noch mal auf Loki kommt, nach deren Tod es ihm "so schlecht nicht gegangen" sei. Und auf "meine Freundin Frau Loah", mit der er nicht zusammenziehen mag, weil es "die Dinge komplizieren" würde. Mit der er aber, altersgemäß mittelfristig, noch einiges Schöne plane in seinem Leben. Im September, sagt Helmut Schmidt, werde man gemeinsam an Bord der Hourtigrouten gehen und zum Nordkap fahren.