Luxusliner

Nicht alle Schotten dicht

Nach dem Schiffbruch der "Costa Concordia" mit 32 Toten testet der ADAC Kreuzfahrtschiffe - und findet Sicherheitsmängel

- Manche Kreuzfahrtschiffe haben einer ADAC-Stichprobe zufolge Nachholbedarf in Sachen Sicherheit. Ein halbes Jahr nach dem Unglück der "Costa Concordia" nahm der Autoclub erstmals zehn Ozeanriesen unter die Lupe. Die Hälfte dieser Schiffe durfte per Ausnahmegenehmigung wasserdichte Türen unterhalb der Wasserlinie auf See offen lassen - darin sahen die ADAC-Tester das größte Problem und "ein nicht zu unterschätzendes Risiko". Geöffnete Schotten sollten Arbeitsabläufe zum Beispiel in der Wäscherei oder in den Lagerräumen erleichtern. Insgesamt attestierte der Autoclub den Kreuzfahrtschiffen aber einen guten oder sogar sehr guten Zustand.

Mangelhafte Rettungsübungen

Offene Schotten könnten "schwerwiegende Folgen haben, wenn etwa ein Schiff leckschlägt, Wasser eintritt und sich schnell und unkontrolliert im Rumpf ausbreitet", hieß es vom ADAC. Die "Adventure of the Seas", die "Norwegian Epic", die "MSC Fantasia", die "MSC Orchestra" und die "MSC Splendida", die entweder unter der Flagge der Bahamas oder Panamas fahren, hätten solche Ausnahmegenehmigungen ihrer Flaggenstaaten gehabt.

Die Dienststelle Schiffssicherheit der BG Verkehr in Hamburg bestätigte die Bedenken. Abhängig von der Lage der Türen im Schiff könnten geöffnete Schotten ein Problem sein, sagte der Leiter des Referats Nautik, Siegfried Schreiber. "Wir haben noch nie solche Ausnahmegenehmigungen ausgestellt." Möglicherweise geöffnete Schotten sind auch noch Thema bei der "Costa Concordia". Bei vier Schiffen ließen laut ADAC die Rettungsübungen zu wünschen übrig.

Einige Rettungswesten oder -inseln seien zudem verschlossen oder festgebunden gewesen. Allein in Deutschland sind nach Angaben des Verbandes Deutscher Reeder 18 Kreuzfahrtschiffe registriert, weltweit sind nach Schätzungen Hunderte unterwegs. Der ADAC testet schon lange Angebote und Einrichtungen jenseits der Straße - von Rodelbahnen über Skipisten bis zu Fähren.

Bei den zehn untersuchten Schiffen gab es laut dem ADAC-Test moderne Sicherheits-, Rettungs- und Brandschutzeinrichtungen. Die Besatzung sei meist professionell gewesen. Allerdings beanstandeten die Tester auf den Schiffen "Norwegian Epic", "MSC Fantasia", "Navigator of the Seas", "MSC Splendida" die Seenotrettungsübungen. Teils seien sie zu oberflächlich gewesen oder es seien nicht alle Passagiere zusammengerufen worden.

Die Endnote "sehr gut" erreichten in dem Test, dessen Ergebnisse der Club am Dienstag bekannt gab, nur die "Aida Bella" und die "Aida Diva" der Reederei Aida Cruises. Deren Präsident Michael Ungerer meinte: "Die Testergebnisse der ADAC Sachverständigen bestätigen einmal mehr die hohen Sicherheitsstandards an Bord unserer Flotte." Dass auch allen anderen getesteten Schiffen guter Sicherheitsstandard bescheinigt werde, zeige die hohe Qualität in der Kreuzfahrtindustrie. "Jeder, der eine Kreuzfahrt plant, kann bei uns an Bord einen unbeschwerten Urlaub mit der Gewissheit verleben, dass die Sicherheit unserer Gäste für uns höchste Priorität hat."

Getestet wurden auch zwei Schiffe der Genueser Reederei Costa Crociere, der die am 13. Januar havarierte "Costa Concordia" gehörte. Die "Costa Fascinosa" schnitt bei allen Testpunkten "gut" oder "sehr gut" ab - auch beim Sicherheitsmanagement.

Bei dem 4880 Personen fassenden Luxusliner "Costa Serena" sei den Testern die Zusammenarbeit verweigert worden, monierte der ADAC. Die Reederei teilte dazu mit, es sei zu Missverständnissen gekommen, die Costa bedauere. "Der ADAC ist jederzeit willkommen an Bord. Daher wurde auch voll mit den ADAC-Testern auf der ,Costa Fascinosa', dem Schwesterschiff der ,Costa Serena', kooperiert und die Bewertung des Schiffs ermöglicht." Der ADAC sei eingeladen, jederzeit die Bewertung der "Costa Serena" nachzuholen. Die Einladung gelte auch für alle anderen Schiffe der Flotte.

Die "Costa Concordia" war am 13. Januar zu nahe an die Insel Giglio herangefahren, hatte einen Felsen gerammt und war dann mit 4200 Passagieren und Crewmitgliedern an Bord gekentert. Bei dem Unfall waren 32 Menschen umgekommen, unter ihnen 12 Deutsche.

Sachverständige prüften inkognito

Die zehn vom ADAC untersuchten Kreuzfahrtschiffe fuhren bei dem Test alle im Mittelmeer. Der Autoclub schickte inkognito nautische Sachverständige mit Kapitänspatenten an Bord, die sich nach einigen Tagen zu erkennen gaben, um dann mit Schiffsleitung und Crew auch für Passagiere nicht zugängliche Schiffsteile begutachten zu können.

Der Naturschutzverband NABU hat unterdessen auf die Umweltverschmutzung durch die Schiffe hingewiesen. "Die vom ADAC getesteten Kreuzfahrtschiffe haben weder Rußpartikelfilter noch Stickoxidkatalysator an Bord und fahren allesamt mit giftigem Schweröl. Aus diesem Grund würde keines der zehn getesteten Schiffe den NABU-Umweltcheck bestehen", sagte Bundesgeschäftsführer Leif Miller. Die Sicherheitsvorkehrungen für die Gesundheit der Passagiere und für die Umwelt seien nicht ausreichend.

Nach NABU-Berechnungen stoße ein einziges Kreuzfahrtschiff so viele Luftschadstoffe wie fünf Millionen moderne Pkw. Der Umstieg auf vergleichsweise sauberen Schiffsdiesel und Abgastechniken zum Schutz von Passagieren und Küstenbewohnern werde von den Kreuzfahrtreedereien aus Profitgier verweigert.