Aurora

Spurensuche in der Sprengfalle

Der Attentäter von Aurora wollte offenbar auch seine Nachbarn umbringen. Immer mehr Details zu dem Täter und seinen Opfern

- Der Massenmörder in Aurora im Bundesstaat Colorado wollte nicht nur die Besucher der mitternächtlichen Vorführung des "Batman"-Films töten. Bevor der 24-jährige Täter zu seinem penibel geplanten Massaker aufbrach, hatte er sein wenige Blocks entferntes Appartement in eine gefährliche Falle umfunktioniert, die offenkundig Nachbarn anlocken und töten sollte.

Präsident Barack Obama steuerte am Sonntag Colorado an, um dort mit Angehörigen von Opfern und mit Überlebenden eines der schlimmsten Amokläufe in der Geschichte der USA zu sprechen. In seiner wöchentlichen Radioansprache hatte er am Samstag von einer "bösen" Tat gesprochen, und versichert, "alle möglichen Schritte" zu ergreifen, um die Sicherheit der US-Bürger zu garantieren. Zu Forderungen nach schärferen Waffengesetzen äußerte er sich vorerst aber nicht. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, der als entschiedener Waffengegner bekannt ist, hatte Obama und den republikanischen Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney aufgefordert, sich in der Debatte zu positionieren. Beide Politiker hatten kurz nach dem Amoklauf ihren Wahlkampf ausgesetzt.

Unterdessen wurden weitere Details der Tat bekannt. Zudem veröffentlichten die Behörden die Namen aller zwölf Toten. Das jüngste Opfer ist die sechsjährige Veronica. Das "großartige kleine Mädchen, das gerade ins Leben hinausgegangen war", wie ihre Großtante Annie Dalton sagt, hatte das Kino zusammen mit ihrer Mutter Ashley Moser besucht. Die 25-Jährige wurde durch Kugeln in den Nacken und den Magen schwer verletzt. Sie liegt im Krankenhaus und fragte immer wieder nach ihrer Tochter. Wegen ihres kritischen Zustandes wurde ihr die schlimme Nachricht zunächst vorenthalten. Erst am Sonntag erfuhr die Frau, dass ihre Tochter getötet wurde.

Bei einer Totenwache von Opferangehörigen und Anwohnern am Wochenende gegenüber dem Kinos wurde auf selbst gefertigten Plakaten vielfach an Veronicas Schicksal erinnert. Das Kind wurde zu einem zweiten Gesicht der Tragödie, neben Jessica Ghawi. Die 24-jährige Sportjournalistin, die mit einem Freund das Kino besucht hatte, wäre erst am 2. Juni um ein Haar in eine Schießerei mit Toten und Verletzten in einem Einkaufszentrum im kanadischen Toronto geraten.

Der Täter, James Holmes, ein als intelligent und extrem zurückhaltend beschriebener Doktorand der Neurowissenschaften der Universität von Colorado, der seine Forschungstätigkeit im Juni ohne Angaben von Gründen abbrach, hat das Massaker offenkundig über Monate vorbereitet. Das schließt die Polizei aus Paketlieferungen, die er sich sowohl an die Universität als auch an seine Privatadresse schicken ließ. Darin befanden sich offenkundig Teile seiner bei der Tat getragenen Ausrüstung, zu der eine kugelsichere Weste und eine Gasmaske gehörten. Vier Handfeuerwaffen, darunter eine halbautomatische AR-15, hatte Holmes legal in drei Geschäften gekauft. 6000 Ladungen Munition erwarb er im Internet. Vergleichbare Mengen werden dort für knapp über 3000 Dollar angeboten.

Seine Wohnung hatte Holmes mit verdrahteten Sprengsätzen, explosiven Flüssigkeiten und Teilen der Munition zu einer Festung umfunktioniert. In ihr sollten offenkundig weitere Unschuldige sterben. Holmes stellte laute Techno-Musik an, bevor er das Appartement in der Nacht auf Freitag verließ.

Gegen Mitternacht hörte Kaitlyn Fonzi, eine 20-jährige Biologie-Studentin in der Wohnung unter Holmes, die Musik. Sie ging in dem als ansonsten sehr ruhig beschriebenem Mehrparteienhaus die Treppe hinauf, um den Nachbarn zu bitten, die Anlage leiser zu stellen. Als auf ihr Klopfen niemand reagierte, griff sie an die Klinke und stellte fest, dass die Tür nicht verschlossen war. Sie betrat das Appartement aber nicht, sondern ging wieder hinunter. Hätte sie die Wohnung betreten, hätten die Sprengsätze sie mutmaßlich getötet und möglicherweise das gesamte Haus zum Einsturz gebracht.

Gegen ein Uhr morgens, so Kaitlyns Aussage, verstummte die offenkundig mit einer Zeitschaltuhr gesteuerte Musikanlage. Der Polizei, die das gesamte Gebäude am Freitag früh evakuiert hatte, gelang es erst am Samstagabend, in das Appartement des Täters vorzudringen.

"Dieses Apartment war darauf angelegt, jeden zu töten, der es betritt", sagte der Polizeichef von Aurora. Die Sprengfallen wurden inzwischen beseitigt, die Wohnung von Holmes wurde am Sonntag weiter untersucht. Nach Berichten der Zeitung "USA Today" war das Wohnzimmer voll mit Feuerwerkskörpern, die so manipuliert waren, dass sie wie Granaten in die Luft gegangen wären. Die Bewohner der Nachbargebäude, die aus Furcht vor Explosionen die Häuser verlassen mussten, konnten in der Nacht zurückkehren.

Der aus Kalifornien stammende Holmes, der nach bisherigen Erkenntnissen nie Freundinnen hatte, stellte sein Profil samt einem Foto, das ihn mit rot gefärbten Haaren zeigt, vor der Tat auf der Seitensprung-Seite Adultfriendfinder ein. Darin sucht er unter dem Namen classicjimbo Kontakte zu Frauen, Paaren ("Mann und Frau oder zwei Frauen") für "erotischen Chat oder Email" und fragt: "Willst du mich im Gefängnis besuchen?"

Am Montag soll der Massenmörder einem Richter vorgeführt und in Anwesenheit eines Anwalts verhört werden. Nach Informationen der amerikanischen Zeitung "Daily News", sei Holmes im Arapahoe Detention Gefängnis kaum zu bändigen. Er sei davon überzeugt, dass er der "Joker" sei - der Gegenspieler Batmans. Er bespucke Wärter und führe sich wie ein Schauspieler auf. Holmes sitzt derzeit in Einzelhaft. Die Gefängnis-Leitung befürchtet Übergriffe durch die anderen Gefangenen und vermutet zudem, der Killer könnte sich eventuell selbst richten.

Derweil kocht die Diskussion um schärfere Waffengesetze in den USA wieder hoch. Ähnliche Taten, wie Columbine 1999 oder Tucson 2011, haben diesbezüglich so gut wie nichts verändert: Keines der Verbrechen konnte die Waffenverliebtheit der Amerikaner erschüttern. Die Macht der Nationalen Organisation der Waffenbesitzer (National Rifle Association, NRA) mit ihren vier Millionen Mitgliedern ist ungebrochen. Erst kürzlich setzte die NRA wieder Kongressmitglieder bei einer Abstimmung unter Druck - und war damit erfolgreich.

Das alles erklärt, warum es in den USA weiter so leicht bleibt, sich Waffen zuzulegen. Wer immer sich für schärfere Gesetze ausspricht, der bekommt bei einer Wahl die Quittung. Und das wiederum bedeutet: Im Kongress wären Restriktionen heute und wohl auch auf lange Sicht überhaupt nicht durchzusetzen.

"Es ist schlicht Kalkül, dieses Thema nicht anzufassen", sagte Dan Gross von der "Brady-Campaign". So hat sich auch Obama längst von seinem Wahlkampfversprechen 2008 entfernt, diejenigen gründlicher zu überprüfen, die auf Waffenshows einkaufen wollen. Der Präsident gibt sich nun damit zufrieden, darauf zu pochen, dass bestehende Gesetze eingehalten werden. Es habe viel mit der alten Pioniermentalität zu tun, dass die Amerikaner so sehr auf ihr Recht auf Waffenbesitz pochen, sagen Experten. Das Wissen, eine Waffe zu haben, vermittele ein Gefühl der Stärke und Unbesiegbarkeit.