Gewalt

Amoklauf nach Mitternacht

Aus einer "Batman"-Preview wird ein Albtraum. Ein maskierter Täter erschießt in einem Kino im US-Staat Colorado mindestens zwölf Menschen

- Das Video ist nur knapp zwei Minuten lang, die Bilder sind wackelig, aufgenommen wurden sie wohl mit einem Smartphone. Und doch zeigt dieser Film, der auf dem Portal YouTube zu sehen ist, eindrücklich die Dramatik in Aurora bei Denver (Colorado). Zu sehen ist das Foyer eines Kinos. Menschen eilen an den Imbissständen vorbei, sie alle wollen nur eins: hinaus durch die gläsernen Türen, die ihnen andere Kinobesucher aufhalten. Ein großer, kräftiger Mann afroamerikanischer Herkunft geht deutlich langsamer. Er beginnt zu taumeln, sein kariertes, kurzärmeliges Hemd ist an Schultern und Armen voll Blut.

Wenige Sekunden später stockt dem Betrachter der Atem, als eine maskierte, in einen schwarzen Umhang gehüllte Gestalt durch die Tür eilt. Dann die Erkenntnis: Das war "nur" ein Kind, gekleidet in ein Batman-Kostüm, das an der Hand seiner Eltern aus einer Mitternachtskinovorstellung flieht, die mit Freude begann und in Schrecken endete.

Es war offenbar knapp 20 Minuten nach Beginn der Premiere des jüngsten, von den Fans bereits ungeduldig erwarteten Films "The Dark Knight Rises" aus der Batman-Reihe, als, so berichten Augenzeugen, plötzliche eine der Seitentüren in dem Kino "Century 16" in Aurora aufgetreten wurde. Herein kam James H., ganz in Schwarz gekleidet, im Gesicht eine Gasmaske wie der Bösewicht im Bateman-Film, dazu eine schusssichere Weste. Er schleuderte nach Augenzeugenberichten einen mit Tränengas gefüllten Kanister. Der Amokläufer hatte ein Sturmgewehr AR-15, eine Remington-Shotgun und eine Pistole des Waffenherstellers Glock dabei. "Er kam über eine Treppe und schoss sofort um sich."

Viele Zuschauer hätten zunächst gedacht, dass die Schüsse Teil des Actionfilms waren, berichtete ein Mann dem TV-Sender CNN. "Ich habe zuerst überhaupt nicht begriffen, was los ist", sagte er. "Erst als der Alarm losging, wussten wir, dass etwas faul ist." "Chaos" habe in den folgenden Minuten in dem Saal geherrscht, panische Kinobesucher seien unter ihre Sitze abgetaucht oder versuchten, robbend einen der Ausgänge zu erreichen. Der Täter sei die Stufen des Filmtheaters hinaufgestiegen und habe wahllos auf die Menschen gefeuert. Einige Kugeln durchschlugen die Wand zum Kinosaal nebenan.

Mindestens 250 Polizisten und Dutzende Krankenwagen waren in kürzester Zeit in dem Multiplexkino in der Aurora-Mall, einem Einkaufszentrum in der Stadt. Als die ersten Polizisten eintrafen, schoss der Amokläufer noch im Kino. Vorläufige Bilanz seines Tötungsfeldzuges: zwölf Menschen tot, zehn von ihnen starben noch im Kinosaal. Dazu über 50 Verletzte, darunter ein sechsjähriges Kind und angeblich sogar ein drei Monate alter Säugling. "Es ist einfach entsetzlich", sagte ein Polizist dem Sender KCNC, so stark erschüttert, dass sogar ihm die Tränen kamen.

Die "Denver Post" zitiert den 28-Jährigen Robert Jones, der ebenfalls in Kinosaal 9 war. Er habe den Rauch erst für einen "Effekt" gehalten, und sich dann, als er Schüsse hörte, auf den Boden geworfen. So blieb er liegen, bis er Polizisten kommen sah. "Ich dachte, das muss wohl das Ende der Welt sein", so der 28-Jährige.

Erste Medienberichte über einen möglichen Mittäter erhärteten sich nicht. Auch ein terroristischer Hintergrund wird ausgeschlossen. Offenbar war der junge Mann, der bei seiner Festnahme auf dem Parkplatz des Kinos keinerlei Widerstand leistete, ein Einzeltäter. Sein Motiv? Noch völlig unklar. Der ortsansässige H. war ersten Erkenntnissen zufolge ein "unbeschriebenes Blatt", so die Polizei. Der Mann sei bislang lediglich einmal wegen überhöhter Geschwindigkeit aufgefallen.

Die Polizei versuchte umgehend nach der Tat die Wohnung des Schützen zu durchsuchen, die im Norden Auroras liegt. Sie war mit Sprengfallen versehen. Das Gebiet sei evakuiert worden, teilten die Ermittler mit. Der Verdächtige hatte bereits kurz nach seiner Festnahme angegeben, Sprengstoff in seiner Wohnung gelagert zu haben. Zuvor untersuchten die Beamten bereits mit einem Roboter das Auto des Verdächtigen. Bei seiner Festnahme trug James H.. zwei Pistolen, ein Messer und ein Gewehr bei sich. Ein drittes Gewehr lag im Kinosaal.

Schon Minuten nach dem Unglück kursierten auf dem Kurznachrichtendienst Twitter immer neue Beobachtungen und Trauerbekundungen, während gleichzeitig die Opferzahlen immer höher stiegen. "Columbine trifft Hollywood im Zeitalter von Twitter. Mein Beileid für die Opfer und ihre Angehörigen", schrieb ein Nutzer. In der Tat trägt die Mord-Inszenierung des Todesschützen, ähnlich wie bei dem Massaker, das zwei Schüler an der nur etwa 20 Kilometer entfernten Columbine Highschool im Jahre 1999 anrichteten, gewisse popkulturelle Züge.