Schlechtwetter

Frühling, ähhh, Herbst und Winter

Der Sommer bildet eine Leerstelle im Jahreskreislauf. Rekordhitze und Hochwasser sorgen weltweit für Chaos. Unsere Korrespondenten berichten

- Am heutigen Donnerstag ist es die Kaltfront von Tief "Rhiannon", die Regen nach Deutschland bringt. Ausgiebigen Regen. Man möchte das gar nicht mehr so genau wissen. In Großbritannien, erinnern wir uns, besuchte die Queen Ende Mai noch die Chelsea Flower Show bei subtropischer Hitze, feierte dann im Juni Thronjubiläum bei strömendem Regen, inzwischen herrschen arktische Temperaturen bei 16 Grad. In der Schweiz, beklagte die Schriftstellerin Sibylle Berg in der "Neuen Zürcher Zeitung", versuchen die Wetterpropheten seit Mai, "die Menschen zu besänftigen", und zwinkern verheißungsvoll, so als käme demnächst aberwitzig gutes Wetter. "Seit wann liegt München eigentlich am Polarkreis?", postet ein Kollege aus dem Urlaub. Venedig: nass-schwüle 27 Grad bei verhangenem Himmel. Nur Griechenland sonnt sich, das kostet nichts.

Aber Sommer sieht anders aus. Farbsprühend, leuchtend, Sonnenschutzfaktur 25, Badesee: Man pult eine Ameise aus dem Badeanzug und stürzt ins Wasser, das die Haut erfrischt, aber nicht wie jetzt vereist. Lange Balkonnächte bei Windlichtern und eisgekühltem Roséwein, während die Lavendelblüten im Kübel sanften Duft verströmen. Oder auch pralle Sonne, sodass man abends erst mal mit Blumenwässern beschäftigt ist.

Stattdessen sitzen wir bedröppelt vor dem Fernseher und hören die bekannten Textbausteine wie in einer Endlosschleife: ... setzt im Norden teilweise länger anhaltender Regen ein, der sich bis zum Morgen ... Luft kühlt sich auf 13 bis 8 Grad ab ... Kein Wunder, dass manche am PC schon Fotobücher aus älteren Urlauben zusammenstellen. An irgendwas muss sich der Mensch ja aufrichten. Erfreulich viele Menschen werden am Computer auch kreativ. "Die Bevölkerung vermisst seit 6 Wochen eine Jahreszeit" - schöner kann man's nicht sagen. Imprägniert werden müsste nicht nur die Currywurst. In Sachen Individual-Kreativität ist Facebook unschlagbar. Mehr Fantasie haben nur die Hobby-Esoteriker, die mit windschiefen "Bauernregeln" dem schlechten Sommer auch noch einen Sinn abringen wollen.

Warum reden wir dauernd übers Wetter? Die britische Autorin Kate Fox - Vizedirektorin des Zentrums für soziale Studien in Oxford - hat eine interessante These: Weil das Thema universell und niedrigschwellig ist. Über das Wetter reden kann jeder mit jedem, auch mit Menschen aus anderen Ethnien, Sozial- und Bildungsschichten; an jedem beliebigen Ort, in Läden, in Bus und Bahn, auf dem Operationstisch, am Arbeitsplatz, auf Partys und im Knast; zum Wetter kann jeder seine Erfahrung und Meinung absondern, auch wenn sie abseitig ist ("Gott, ist das heiß heute!" - "Wieso, sind doch nur 20 Grad." - "Aber MIR ist total heiß!")

Wetter als Thema sei noch universeller als Sport, meint Fox. Man kann folgenlos für Nebel, Starkregen oder Graupelschauer sein oder auch dagegen. Das Wetter ist urdemokratisch, es betrifft alle, auch die Franzosen, Briten, Schweizer, Polen, von den Luxemburgern ganz zu schweigen. Das ist die eigentliche Wahrheit in diesen unsicheren Zeiten: Mitteleuropa wächst zusammen - nicht mit dem Euro, sondern in Erwartung des nächsten Schauers. In anderen Teilen der Welt sorgen Regengüsse für echtes Chaos - in Japan sind mindestens 28 Menschen bei Erdrutschen verschüttet worden. Und fast überall dort brennt der Wald. In Griechenland, Portugal, Montenegro, auf Mallorca, Teneriffa und Sardinien müssen die Menschen vor den Flammen aus Ortschaften fliehen.

Wir haben mal bei unseren Korrespondenten nachgefragt, wie das Wetter an ihren Standorten für Gesprächsstoff sorgt.

Großbritannien

Mit dem "Hosepipe ban" fing die Misere an. Am 5. April belegte die britische Regierung den Süden und Osten von England mit einem Gartenschlauch-Verbot. Bis zu 1000 Pfund Strafe drohte jedem, der seinen Garten mit dem Schlauch wässerte oder sein Auto in der Einfahrt abspritze. Der Bann sei wegen des außergewöhnlich trockenen Winters nötig, beteuerte die Regierung. Als hätte Monty Python persönlich Regie geführt, fing es am Tag des "Hosepipe bans" an zu regnen und hört seit dem nicht mehr auf. Der April wurde zum nassesten April seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Der Mai ließ sich nicht lumpen und wurde zum kältesten Mai seit über 300 Jahren. Geradezu freundlich war dagegen der Juni, der nur die Rekordmarken als nassester Juni seit 1860 und kältester Juni seit 1991 brach. Der Juli scheint nun gute Chancen zu haben, mit mieserem Wetter aufzutrumpfen. Allein am 7. und 8. Juli fiel so viel Regen wie sonst in zwei Monaten in Großbritannien üblich.

Die Regierung handelte beherzt: Seit dem 9. Juli darf wieder mit dem Gartenschlauch der englische Rasen gesprengt werden. Falls man irgendwo eine trockene Stelle findet.

Italien

Es ist heiß in Rom. Der Himmel blau. Jeder Schatten kostbar. Da hilft das Wetter-App im iPhone sehr. Heute gibt es hier 33 Grad Celsius, morgen 34, übermorgen 33. Im Süden gibt es Waldbrände wie jedes Jahr; die Feuerwehr fliegt pausenlose Einsätze. Wir werden nicht verbrennen. Krise hin, Krise her. In Italien tut der Sommer, was er tun soll. Er erfreut die Netzhaut, tröstet die Seele und gibt in der ewigen Stadt endlich wieder Parkplätze frei, weil jeder, der kann, zum Meer fährt. Doch noch ruft die Arbeit. Also: alle Fenster auf zum Durchzug, Ventilatoren an, Jackett aus, T-Shirt an, Füße bar (sieht ja keiner) und rasch zur Arbeitserleichterung noch ein letzter Blick aufs iPhone. Kleine Kontrolle, wie es in der alten Heimat und bei den Kindern aussieht: Berlin 21 Grad und Nieselregen, morgen 20 Grad, wieder Regen. Leichtes Frösteln. Hilft besser als jedes Eis gegen die Mühen des römischen Sommers.

USA

Ein interessanter Unterschied zwischen Amerika und Europa bestand schon immer darin, dass Extremwetterlagen in der Neuen Welt zum Normalfall gehören. In diesem Sommer rollt eine Hitzewelle über Amerika hinweg. New York verwandelt sich in einen Backofen; im Fernsehen werden Warnungen verbreitet, man möge sich nicht unnötig im Freien aufhalten. Noch schlimmer sieht es im Mittleren Westen aus - vor allem in Illinois und Indiana. Die Dürre raubt den Landwirten den Schlaf. 38 Prozent der Maisernte sind schon verloren, das Landwirtschaftsministerium hat tausend Bezirke in 26 Bundesstaaten zu Katastrophengebieten erklärt. Eine vergleichbare Hitzewelle rollte zuletzt 1956 über das Land weg; in manchen jener Gebiete, die in den Dreißigerjahren von Staubstürmen heimgesucht wurden, ist es sogar noch trockener als damals. Allerdings haben sich die Methoden der Landwirtschaft so sehr verbessert, dass eine ökologische Katastrophe nicht befürchtet wird. Gleichwohl werten Wissenschaftler die derzeitige Dürrekatastrophe in Amerika als weiteren Beweis für die These von der menschgemachten Klimakatastrophe.

Österreich und Schweiz

Die letzten Katastrophenmeldungen stammen vom Wochenende. In Österreichs Süden gingen wegen starken Regens zahlreiche Muren ab. Sie verlegten Straßen und beschädigten Häuser. Darunter hatte besonders ein obersteirischer Bezirk (Kreis) zu leiden, der offenbar nicht ohne Grund Murtal heißt. Dort wird seit Sonntag auch ein junger Rechtsanwalt vermisst.

Ansonsten klagen vor allem die Obstbauern über das Wetter. Starke Frosteinbrüche im Frühjahr und die Hagelunwetter der vergangenen Wochen haben große Teile der Marillen- und Kirschenkulturen vernichtet. Für die Österreicher bedeutet das: Marillen und Kirschen werden dieses Jahr um rund ein Drittel teurer. Auch in der Schweiz war es am Mittwoch sonnig. Insgesamt sei der Sommer aber bisher "eine trübe Angelegenheit" gewesen, sagte ein Wetterredakteur des Schweizer Fernsehens: nicht nur zu nass, sondern erstaunlicherweise auch zu warm. Dabei fehlen bereits ganze 18 Sonnentage - diese Schwüle gefällt niemandem.

Rumänien

Das Land kennt dieser Tage zwei Alarmstufen: Rot für die politischen Ereignisse um das Amterhebungsverfahren von Präsident Bäsescu. Und Orange fürs Wetter. Während sich der Staatschef - im Fernsehen und auf den Marktplätzen - hitzige Redeschlachten mit den politischen Gegnern liefert, schwitzt der Rumäne bei Temperaturen von bis zu 40 Grad. Der Asphalt wird zu einer schwarzen Knetmasse, und wer es zu Hause ohne Klimaanlage nicht mehr aushält, sollte lieber shoppen gehen. In den Einkaufszentren herrschen nicht nur die aus Deutschland bekannten Läden, sondern auch deutsche Temperaturen. Abkühlung ist auch auf den Straßen und in den Cafés das Gebot der Stunde. Wer in Bukarest kurz vor dem Hitzeschlag steht, stellt sich unter die öffentlichen Sprühanlagen der Stadt. Sie sehen aus wie Bushaltestellen, aus deren Dächern Wasserpartikel kommen. Vielleicht sollte Brüssel der rumänischen Politik nicht nur mehr Rechtsstaatlichkeit, sondern eine kalte Dusche empfehlen.