Unfall

Frau springt 25 Meter tief - und rettet Kind

Dreijähriger Junge rutscht in einen alten Schacht, die Betreuerin stürzt sich hinterher. Beide werden leicht verletzt geborgen

- Für die Internetgemeinde ist der Fall klar: Sabine T. (Name geändert) ist "Erzieherin des Jahres". Ihr gebühren Lob, Dank und das Bundesverdienstkreuz noch dazu, da sind sich die Kommentatoren einig. Die 37-Jährige hat ihr Leben riskiert, um ein ihr anvertrautes Kind zu retten. Wie aber geht es der Kindergärtnerin, die am Montag in einen ehemaligen Bergwerkschacht sprang, in den zuvor der dreijährige Jonas (Name geändert) gestürzt war?

Sie ist nicht verletzt und auch nicht mehr im Krankenhaus - mehr ist bisher nicht bekannt. Gesprächsanfragen werden abgeblockt, auch im St.-Nicolai-Kindergarten in Oldendorf. Zu groß ist wohl der Schock darüber, dass aus einem Waldausflug von rund 40 Mädchen und Jungen ein Notfalleinsatz wurde, an dem Feuerwehreinsatzkräfte aus dem ganzen Weserbergland beteiligt waren.

Reflexhafte Reaktion

Die Gruppe war auf gefährlichem Grund unterwegs. Clemens Pommerening, Oberamtsrat der zuständigen Gemeinde Salzhemmendorf, erklärt, warum das so ist: "Die Schächte sind nach dem Ende des Steinkohlebergbaus in den 50er-Jahren verfüllt und abgedeckt worden. Auch der Schacht, um den es hier geht, ist mehrfach aufgefüllt worden. Durch Regen oder Erosion sackt die Füllung aber immer wieder ab." Rund 25 Meter gehe es dort derzeit wieder nach unten, schätzen die Retter. Eine lebensbedrohliche Tiefe.

Ganz plötzlich verschwand der kleine Jonas an diesem Montagmorgen zwischen Baumstämmen in der Tiefe. Sabine T. sprang hinterher. Offenbar eine reflexhafte Handlung. "Wenn man gewusst hätte, wie es da aussieht - ob man da selbst reinspringen würde?", fragt sich Clemens Pommerening.

Es ist ein beklemmendes Bild, das sich den eilends gerufenen Rettungskräften bietet. In der Enge des oval gemauerten Schachts klammert sich Sabine T. mit einer Hand an vorstehenden Ziegeln fest, auf dem Arm trägt sie den Jungen. Sie steht erhöht, in einer kleinen Nische, das sie umgebende Wasser reicht ihr bis zur Brust, es ist knapp fünf Grad kalt. Der Notarzt wird später erklären, dass auch die Körperwärme der Kindergärtnerin das durchnässte Kleinkind vor der drohenden Unterkühlung bewahrt hat. Laut Einsatzleiter Dirk Habenicht hatten die Retter, die hinabsteigen - zwei über 1,90 Meter große Männer - zu keiner Zeit Bodenkontakt, so hoch steht das Wasser. Der aufgeschwemmte Grund ist voll Müll. Dort unten bewahrt Sabine T. Haltung - für sich selbst und den verängstigten Jungen auf ihrem Arm.

Als Erstes versuchen die Rettungskräfte, das Kind zu befreien. Einer der abgeseilten Helfer nimmt den Jungen auf seinen Arm und macht sich wieder auf den Weg nach oben. Eine Stunde hat Jonas zu diesem Zeitpunkt in dem Loch gesessen. 20 Minuten später wird Sabine T. an die Oberfläche gezogen. Sie ist verdreckt, durchnässt und unterkühlt, blutet im Gesicht und hat einen Schock erlitten. "Der Junge hat gezittert, aber nicht geweint", erinnert sich Roland Meyer von der Freiwilligen Feuerwehr Oldendorf an den Moment, als Jonas an die Oberfläche kommt. Er erlitt eine Leberprellung, seine Retterin kam mit Schrammen davon. "Man kann sie nicht hoch genug aufs Podest heben", findet Meyer. "Wenn sie nicht so mutig gewesen wäre, wäre der Junge ertrunken."

Wie es zu dem Unfall kommen konnte, ist relativ klar. Wer dafür verantwortlich ist, nicht. Für einen strafrechtlich relevanten Vorgang gebe es bisher keine Anhaltspunkte, hieß vonseiten der Polizei Hameln und der Staatsanwaltschaft Hannover. Ob und von welcher Seite eventuell Versäumnisse vorliegen könnten, sei noch offen.

Amtsleiter Joachim Menzel vom zuständigen Forstamt Saupark sagte der Morgenpost: "Es gibt eine ganze Reihe solcher Schächte, die nicht bekannt sind und unter Laub oder dem Waldboden versteckt liegen." Die meisten Schächte seien mit Erde aufgefüllt worden, manche seien nach oben offen. Das Loch, in das der Junge gefallen ist, sei mit dicken Baumstämmen überdeckt gewesen. "Die Stelle wird von uns regelmäßig kontrolliert, zuletzt vor etwa zwei bis drei Monaten", sagte Menzel. Der Schacht sei danach oben weiter aufgebrochen - so sei die Lücke entstanden, in die der Junge gefallen sei. "Selbst wenn wir den Schacht mit Beton versiegelt hätten, wäre das Loch mit der Zeit größer geworden ", so der Forstamtsleiter.

Laut Rochus Rieche, Referatsleiter für Bergaufsicht und Gefahrenabwehr beim niedersächsischen Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie, gibt es 55 bekannte Schächte und Stollen im Gebiet Osterwald. Das Landesamt verfüge über keine Aufzeichnungen darüber, in welchem Zustand die Sicherung der Schächte sei, sagte Rieche der Morgenpost. Die Schächte seien vermutlich mit dem Ende des Bergbaus im Osterwald vor etwa 80 Jahren von dem damaligen Bergwerkbesitzer aufgefüllt worden. Die Verantwortung der jetzigen Sicherung läge hingegen bei den Forstämtern, die Eigentümer der Waldstücke sind.

"Wir werden uns in Zusammenarbeit mit den Forstämtern überlegen, wie wir die Schächte künftig besser sichern können", sagte Rieche. Allein die Sichtung aller bekannten Schächte werde wohl zwei bis drei Monate in Anspruch nehmen.