Überlingen

Auf der Suche nach Trost

Gedenkfeier in Überlingen: Vor zehn Jahren starben 71 Menschen durch eine Flugzeugkollision

- Soja Fedotova war 14 Jahre alt, als sie in ihrem Tagebuch ein Gedicht notierte: "Ich fiel von der Mondsichel, von deren schmalstem Zipfel. Und dann flog ich furchtbar lang - und erreichte den Himmel." Heute hängt dieses Gedicht an einem Kreuz aus Holz und markiert den Ort, an dem das Kind tot aufgefunden wurde. Soja aus Ufa, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Baschkirien, stürzte aus 11.000 Metern auf eine Wiese neben dem Bodensee.

Weil ein Lotse von Schweizer Radarschirmen aus eine fatale Anweisung gegeben hatte, war Sojas Flugzeug in einer lauen Sommernacht vor zehn Jahren mit einem Frachtflieger zusammengeprallt. Die 14-Jährige und 70 weitere Menschen, darunter 44 Kinder, wurden Opfer eines der größten Flugunglücke, das je auf deutschem Boden geschah. Die meisten Kinder waren nach Spanien unterwegs, zur Belohnung für die Zeugnisse.

Hinterbliebene besuchen Unfallort

An diesem Wochenende jährt sich das Unglück von Überlingen. Am Sonntagnachmittag begannen die Feierlichkeiten mit einem Gottesdienst. Zehn Jahre nach dem Unglück sei ein Stück Normalität eingekehrt, sagte Pfarrer Meinrad Huber. "Aber die stille Solidarität darf nicht enden." An der schlichten Feier hatten vor allem Angehörige und Freunde der beiden Piloten der Frachtmaschine teilgenommen, die aus England und Kanada stammten. "Ich möchte einfach hier sein", sagte ein Kollege aus Brüssel. "Wir versuchen jedes Jahr zu kommen."

Die Angehörigen der russischen Opfer wurden am Abend zu der Gedenkfeier in Überlingen erwartet. Viele von ihnen kommen regelmäßig. Sie haben kleine Denkmäler erschaffen, so wie Sojas Holzkreuz, die an ihre Kinder erinnern.

Die Trümmerteile der beiden Flugzeuge und die menschlichen Überreste waren damals über Kilometer verstreut. Auf der Obstplantage von Bernhard Kitt wurden die meisten Opfer geborgen. Am Hügel mit einem herrlichem Blick auf den See ist ein Mahnmal errichtet, aber die Familien drängt es bis direkt an jenen Platz, wo einst der tote Sohn oder die Tochter, der Enkel, die Schwester lagen. Dort packen sie Erde ein und bringen sie nach Hause. Nach vielen Gesprächen in seinem Haus, das Hinterbliebenen stets offensteht, hat Bernhard Kitt verstanden, warum das Mahnmal keinen Trost spendet: "Dort, wo der Leichnam lag, liegt für diese Menschen die Seele." Und dort wollen sie hin.

Der Körper von Diana, vier Jahre alt, lag unter einem Baum an einem Bach. Ein rotes Kleid habe das Mädchen getragen, erinnert sich Rainer Koch, damals Kriminalhauptkommissar. Das Kind wirkte fast unversehrt, es hatte nur ein paar Schrammen im Gesicht und sah aus, als ob es schliefe. Eine Baumkrone hatte seinen Sturz abgebremst und sein Leben doch nicht retten können. Noch heute muss der Polizist heftig schlucken, wenn er sich an Diana erinnert.

Der Vater des Mädchens, Witalij Kalojew, hat ihren Tod nie verkraftet. Der heute 56 Jahre alte Bauingenieur und Architekt aus Nordossetien arbeitete damals in Barcelona. Diana, ihr elfjähriger Bruder und Witalijs Frau Swetlana wollten zu Besuch kommen. Die Familie hätte sogar fast den Flug verpasst, weil sich Diana am Flughafen verlief und kurz verschwand. In letzter Minute klappte es noch, und die drei starteten ins Unglück.

Kalojew war als einer der ersten Angehörigen vor Ort. Tagelang schrie und brüllte er vor Schmerz, aus Hass auf die Schuldigen rasierte er sich fortan nicht mehr. Und als sich niemand für das Geschehene entschuldigen wollte, erstach er schließlich 2004 den Lotsen der Katastrophennacht. Die Schweiz verurteilte Kalojew zu 63 Monaten Haft, 2007 kam er vorzeitig frei. Heute ist der Ossete, der in seiner Heimat wie ein Held gefeiert wurde, stellvertretender Bauminister.

Für den Witwer stand immer fest, dass er an der Gedenkfeier zum zehnten Jahrestag teilnehmen wollte. Doch seine Einreise war schwierig, ein Visum bekam er erst spät. Am Samstag wurde Kalojew am Flughafen noch einmal gestoppt, weil das Auswärtige Amt erneut prüfen wollte, ob er weiterreisen durfte. Baden-Württemberg war nicht glücklich, dass es schließlich doch geschah.

Der Minister für internationale Angelegenheiten, Peter Friedrich (SPD), kritisierte den "Fluglotsenmörder". Kalojew habe seine Strafe zwar abgesessen. Seine Anwesenheit werfe aber einen Schatten auf die Gedenkfeier, sagte Friedrich, der das Land beim Gedenken am späten Sonntagabend vertrat. "Die Veranstaltung dient dem Gedenken und der Begegnung." Eine Diskussion über Kalojew solle das nicht überlagern.

Airline verklagt die Bundesrepublik

Unerwünscht war auch eine Delegation der Schweizer Flugüberwachung Skyguide, die den Bodensee betreut. Denn sogar der Fluglotse Peter Nielsen, Vater dreier Kinder, war ein Opfer von Skyguide, wie sich zeigte. Er hatte allein arbeiten müssen, weil sein Kollege pausierte, Telefon und Kollisionswarngerät waren abgeschaltet. Überfordert gab er die verheerende Anweisung an die Russen zu sinken, obwohl die Automatik der Tupolew zum Steigflug riet. Die Fracht-Boeing von DHL sank ebenfalls, beide prallten zusammen.

Bis heute wird über die Haftung gestritten. Vier Manager von Skyguide wurden wegen fahrlässiger Tötung zu Geld- und Bewährungsstrafen verurteilt, Gerichte legten pro Kind zudem 36.000 Schweizer Franken Entschädigung fest. Doch Bashkirian Airlines hat auch die Bundesrepublik verklagt und in erster Instanz recht bekommen. Die Revision läuft.

Die Pilotenvereinigung Cockpit fürchtet weitere Tragödien. Seit 2002 gab es acht Beinahe-Zusammenstöße in der Luft. Immer waren es die gleichen Ursachen: Die Lotsen und die Flugtechnik gaben konkurrierende Anweisungen. Und die Piloten hörten auf die Lotsen.