Extremismus

"Breivik kann mir nicht länger schaden"

Bjørn Ihler überlebte das Massaker von Utøya und verfolgte den Prozess gegen den Attentäter

- Als er in den vergangenen Wochen den Mann im schwarzen Anzug ansah, kehrte er manchmal im Kopf nach Utøya zurück, sagt Bjørn Ihler. Das sind Momente, in denen die Gedanken abschweifen. Dann hört er die Schüsse wieder, die über die Insel peitschen, gefolgt von einem wahnsinnig klingenden Lachen. Die Schreie der Jugendlichen, der Verletzten. Die Gespräche mit den beiden acht- und neunjährigen Jungs, die er beschützte, die sich über ihre Weihnachtswunschliste unterhielten, um sich abzulenken.

Und dann hört Bjørn Ihler das Knattern des Hubschraubers über sich, an der Südspitze Utøyas. Die Polizei kommt! Doch als er nach oben sieht, steht da nur ein Helikopter des Fernsehsenders NRK am Himmel. "Wäre die Polizei nur fünf Minuten früher gekommen, wäre niemand auf der Südspitze ermordet worden", sagt er. So tötete Anders Behring Breivik noch fünf weitere Menschen. Und ein Land hadert: Warum tat Breivik das? Hätte das nicht verhindert werden können? Ist der Täter geisteskrank oder einfach nur böse?

Seit dem 16. April rang das Osloer Gericht um Antworten auf diese Fragen. Zehn Wochen lang versuchten Gutachter, Staatsanwaltschaft, Nebenklägeranwälte, Richter und Zeugen, das Dunkel um Norwegens schlimmsten Massenmörder aufzuhellen. Lag es an der Kindheit, der Scheidung der Eltern, den Hänseleien in der Schule? Oder daran, dass er nie eine Freundin hatte? "Ich habe keine Antworten bekommen", sagt Björn am letzten Prozesstag. "Ich verstehe ihn nicht."

Vielleicht war es zu viel verlangt, die Seele eines Terroristen auszuleuchten, der ein ganzes Land traumatisierte. Der 22. Juli 2011 ist bereits zur Großen Erzählung geworden, ein Narrativ, in dem die Opfer ihre Geschichte wieder und wieder schildern, um sie endlich archivieren zu können. Ihler gehört zu den Protagonisten der Großen Erzählung, er ist 20 Jahre alt, studiert Theaterwissenschaften in Liverpool. Von den 43 Prozesstagen hat er mindestens 30 erlebt.

In den Wochen nach den Attentaten war er auf drei Begräbnissen, danach "konnte ich nicht mehr", sagt Bjørn. Er litt, holte sich psychologische Hilfe. Nach zwei Wochen war er zum ersten Mal wieder im Kino, Mitte September 2011 begann das Wintersemester in Liverpool, und der 20-Jährige stieg in den Alltag ein, so gut es eben ging. "Nicht alle haben das so gut hinbekommen wie ich." Einige sind mit dem Kopf nicht von der Insel weggekommen. Sie schirmen sich ab.

Für den Juso aus Oslo kam das nicht infrage. "Ich wollte ihn sehen, ich wollte und will versuchen, ihn zu verstehen." Der Prozess als Dämonen-Vertreibung. "Breivik kann mir nicht länger schaden."

Also ging er am 16. April in den Saal des "Tinghuset", wie das Gericht hier heißt. "Klar war ich aufgeregt. Aber das hat sich schnell gelegt." Vor ihm saß nicht der schreiende, als Polizist verkleidete Killer, sondern ein gefesselter Angeklagter.

Als Breivik über die Morde sprach, wurde es für Bjørn "emotional schwierig". Denn die Art und Weise, wie der Attentäter seine Taten rechtfertigte, ergab für Ihler keinen Sinn. Gleichzeitig fand er es wichtig, dass Breivik erklären durfte, wie und warum der Terroranschlag geschah.

Am 9. Mai musste Bjørn selbst in den Zeugenstand. Er berichtete, wie er sich mit den beiden Jungs am sogenannten Liebespfad versteckte, an dem sich immer mehr Leichen ansammelten. "Mitten zwischen den Toten klingelte plötzlich ein Handy. Das war eines der Dinge, die mich an diesem Tag am stärksten beeindruckten", sagt Ihler vor Gericht. Dann sieht er Breivik vor sich stehen. Als der falsche Polizist sein Gewehr anlegt, nimmt der Student die beiden Jungs und stürzt sich mit ihnen in den Fjord. Links und rechts von ihnen jagen die Kugeln ins Wasser, doch kein Projektil trifft. Die Flüchtenden haben Todesangst. "Es war ein Gefühl, als ob die Seele den Körper verlässt, alle Hoffnung entweicht und ich sterben musste", sagte Ihler. "Kalt und ruhig" sei Breivik gewesen, habe trotz der Brüllerei "beherrscht" gewirkt.

In den Wochen danach staute sich bei Ihler Ärger auf. Der Staat, der hinterher gegen Breivik mit Hunderten Beamten ermittelte, half den Überlebenden nicht bei der Bewältigung des Erlebten. "Psychologen haben wir uns selbst suchen müssen." Und in der Anklageschrift tauchen die Überlebenden auch nicht auf, obwohl sie formal Fälle von versuchtem Mord seien.

Ein "Monster" will Bjørn Ihler trotz der Grausamkeiten nicht in dem 33-jährigen Terroristen sehen. Er sei ein sehr durchschnittlicher Mann, der allerdings extremistische Gedanken und Fantasien habe, die viele andere auch teilen würden. "Wir brauchen mehr Offenheit wie Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagte", meint Ihler. "Aber das heißt für mich, dass wir mehr mit Rechten und Rechtsextremen reden und diskutieren müssen, damit sie eine Möglichkeit haben, sich zu artikulieren und nicht gewalttätig zu werden."

Kritik nicht erwünscht

Mit solchen Sätzen eckt er an. So war der Spruch von der größeren Offenheit nicht gemeint, heißt es. Auch die Kritik an Eskild Pedersen, dem Chef der Arbeiterjugend, der den Ort des Grauens nach 15 Minuten mit der einzigen Fähre verließ, stieß viele Genossen vor den Kopf. Zusammen mit dem Utøya-Überlebenden Adran Pracon bezeichnete Ihler Pedersens Flucht als "feige", ein "Kapitän muss auf der Brücke bleiben". Das hat ihm schon den einen oder anderen mahnenden Telefonanruf aus der Parteizentrale eingebracht. Bjørn Ihler will sich davon nicht beirren lassen. "Ich bin es gewohnt, in der Minderheit zu sein", sagt er. Er will eine Nichtregierungsorganisation gründen, um die freie Meinungsäußerung zu fördern. "Wir brauchen Debatten, an denen alle teilhaben können." Das gelte auch für Extremisten.

Vielleicht ist das nur ein frommer Wunsch, man könne Rassisten und Hass-Prediger aller Couleur besänftigen, indem man sie argumentativ auszählt. Vielleicht ist es aber auch ein neues Kapitel der Großen Erzählung, eine Möglichkeit, mit den künftigen Breiviks umzugehen. Bjørn Ihler ist sich sicher: "Da draußen denken viele wie er. Und was ich erlebt habe, soll nie wieder passieren."