Rätselhaft

Das Ding aus einer anderen Welt

Schatztaucher entdecken auf dem Grund der Ostsee einen rätselhaften Felsen

- Eigentlich waren sie auf der Suche nach Weinflaschen. Waren hinabgetaucht auf den Grund der Ostsee, wollten Kisten holen aus dem Bauch von Schiffen für den Zaren, die im Ersten Weltkrieg von deutschen U-Booten versenkt wurden. Die fanden sie nicht, doch was die Schatzsucher des Unternehmens Ocean Explorer dort entdeckten, könnte sich womöglich als weit spektakulärer herausstellen. Manche wollen auf den Bildern, die Firmeninhaber Peter Lindberg aus den Tiefen des Bottnischen Meerbusens zwischen Schweden und Finnland mitbrachte, schon die Reste eines riesigen Ufos gesehen haben. Lindberg selbst ist vorsichtiger und hält es nicht für ausgeschlossen, dass der runde, auffallend regelmäßige Steinblock mit 60 Meter Durchmesser, der sich dort in 90 Meter Tiefe seinen Augen und seinen Sonargeräten offenbarte, die erstarrten Reste eines Unterwasservulkans darstellt.

Vulkanische Aktivitäten auf dem Grund der Ostsee? Ein unbekannter "Ring of Fire" unter der nur scheinbar friedlichen Oberfläche Nordeuropas? Wähnt man sich dort zu Unrecht gefeit vor Erdbeben? Es wäre eine Sensation. Sie würde das bisherige Wissen der Geologen über dieses Gebiet über den Haufen werfen.

Im August 2011 war Lindberg das erste Mal mit einem U-Boot hinabgetaucht. Die Bilder, die er damals mitbrachte, sorgten in einigen Blättern rund um die Welt für Ufo-Fantasien. Regelmäßige Rinnen auf dem Fels, vor allem aber seine äußeren Umrisse erinnerten angeblich an das riesige Raumschiff aus dem Film "Krieg der Sterne". War er gefunden, der "Rasende Falke", in einer Zeitmaschine zum Fossil erstarrt, als Relikt aus fernster Zukunft? Vergangene Woche schickte Ocean Explorer ein ferngesteuertes U-Boot hinunter.

Peter Lindberg, der nach dem ersten Tauchgang noch vermutet hatte, die rätselhafte Struktur dort unten sei aus Beton, geht jetzt davon aus, dass es sich um ein mineralisches Gebilde handelt. Die Steine, die man aus dessen unmittelbarer Umgebung vom Meeresgrund hinaufgebracht habe, seien den Materialprüfern der Universität Stockholm zur Untersuchung übergeben worden, sagt Lindberg. Die Struktur selbst habe man nicht angerührt. Auffällig sei gewesen, dass die Steine, anders als die Umgebung, völlig frei vom Schlickbesatz gewesen seien.

Zu Interpretationen lädt das Loch auf der Oberfläche des runden Blocks ein. Die Ufo-Fans sahen darin schon einen Aus- und Einstieg für die "Falken"-Mannschaft um Han Solo und Chewbacca. Doch auch die - etwas - wahrscheinlichere Version, dass es sich um die Öffnung eines Kraters handelt, hätte es in sich.

Lindberg will sich auf keine Interpretation festlegen, doch immerhin verriet er im Gespräch auch, dass er bei der erneuten Fahrt zum Fundort vergangene Woche wenige Dutzend Kilometer vor der Ankunft einen 50 Meter hohen Berg in der Form eines Vulkankegels gesehen habe, aus dessen Spitze obendrein eine undefinierbare Wolke herausquoll. Ein aktiver "Black Smoker" in der Ostsee, ein Unterwasservulkan? "Es könnte sich auch um kochendes Wasser gehandelt haben."

Auffallend viele Fischschwärme

Die nähere Umgebung dieser Erscheinung sei in ein sehr hellrotes Licht getaucht gewesen, behauptet der Schatztaucher, und die dort auffallend vielen Fischschwärme hätten unübliche Bewegungsmuster gezeigt. Auch die weitere Umgebung des Fundortes, dessen Lage Lindberg nicht verraten will, unterscheide sich sehr stark von dem übrigen nur sanft hügeligen Ostseeboden. Man finde dort tiefe Gräben, hohe Berge, senkrechte Wände. Der Schatzsucher, der unzählige Tauchgänge in der Region unternommen hat, behauptet, er habe dergleichen dort noch nirgendwo gesehen.

Was immer sich hinter den Erscheinungen verbirgt, eines zeigt die Angelegenheit erneut: Selbst die Ostsee, Europas Dorfteich, ist bisher nur an wenigen Stellen wirklich erforscht. Lediglich der südliche Bereich, wo das Meer seinen Ruf als wrackreichstes Gewässer der Welt erlangte, ist besser kartiert, auch die Umgebung der diversen Pipelines.

Bei einem Durchmesser von 90 Metern fällt eines auf: Die neu entdeckte Struktur kann weder von einem Schiff noch aus einem Flugzeug auf den Meeresgrund gefallen sein. Bislang mündeten Spekulationen über den Hintergrund ähnlicher angeblicher Sensationsfunde fast immer in profane Erklärungen. Immerhin: Die ersten "Black Smoker", erst vor 35 Jahren entdeckt, waren durchaus eine Sensation.

Manche Fälle aber bleiben bis auf Weiteres ungeklärt. Wie die 200 Meter lange und 150 Meter breite Felsstruktur unbekannter Herkunft, die sich in etwa 20 Meter Tiefe vor der japanischen Insel Yonagumi auf dem Meeresgrund erstreckt, in einer regelmäßigen Form, wie mit Wasserwaage und Zollstock bearbeitet. Bisweilen aber nutzt auch die Natur - im übertragenen Sinne - solche Werkzeuge.

Bleibt noch das Gedankenspiel darüber, dass die Ostsee ein sehr junges Gewässer ist, nicht älter als 8000 bis 12.000 Jahre. Bis das Wasser von Westen hereinströmte, war sie über weite Strecken begehbares Land, wobei Historiker davon ausgehen, dass das Gebiet der heutigen Küsten damals bereits von den ersten Ankömmlingen besiedelt worden war, unter ihnen vielleicht auch der eine oder andere virtuose Steinmetz, womöglich mit wahrhaft überirdischen Kräften.