Farbenschmuck

Gefühle, die unter der Haut bleiben

Auf der "Tattoo & Piercing Convention" in Dortmund lassen sich die Besucher von internationalen Künstlern öffentlich tätowieren

- Es surrt und erinnert entfernt an elektrische Rasierer. Aus jeder Ecke ist dieses Geräusch zu hören. Der Sound der vibrierenden Tätowiermaschinen mischt sich mit der lauten Rockmusik, die von der Bühne durch die Messehalle schallt. Tätowierer aus der ganzen Welt treffen sich hier in der Dortmunder Westfallenhalle zur "17. Internationalen Tattoo & Piercing Convention". An den Ständen liegen Besucher auf Pritschen. Mal strecken sie den Fuß, den Arm, den Rücken oder den Oberschenkel dem Tätowierer unter einer hellen Lampe hin. Die Motive, die sie sich hier stechen lassen, sind so unterschiedlich wie das Publikum selbst: die jungen Eltern mit dem Kleinkind im Buggy, das eher bürgerliche Ehepaar um die 50, Jugendliche und 30-Jährige.

Neben den Volltätowierten sieht Sarah mit ihren knallroten Haaren recht normal aus. Tätowiert ist die 21-Jährige aber auch. Über ihrem rechten Knöchel hat sie sich den Seestern Patrick Star stechen lassen. Die rosafarbene Comicfigur aus der Zeichentrickserie "Spongebob Schwammkopf" hat ein Brett vor dem Kopf und einen Hammer in der Hand. "Ich bin seit Jahren Fan, die Serie ist ein Teil von mir. Viele haben gesagt, dass das ein Fehler ist und ich es bereuen werde. Aber selbst wenn es mir nicht mehr gefallen sollte, ist es immer noch ein Zeugnis meiner Naivität", sagt sie.

Um ihr zweites Tattoo zu zeigen, schiebt Sarah vorsichtig ihren Jeansminirock hoch. Direkt unter ihrer rechten Pobacke schlängelt sich eine Schriftborte. "Tritt, Kratzt und Beißt" steht dort, eine Liedzeile ihrer Lieblingsband. Die Stelle sei einfach perfekt dafür gewesen, auch wenn sie versteckt sei. "Falls es dann doch mal hervorblitzt, finde ich diesen Überraschungseffekt ganz cool." Die Schülerin, die kurz vor dem Abitur steht, findet Tattoos "ästhetisch und aufwertend". "Man kann sich enorm dadurch individualisieren und trägt so seinen Charakter viel mehr nach außen", findet sie.

Das kann Erich Kasten bestätigen. Er lehrt als Professor für medizinische Psychologie an der Universität Göttingen und forscht über "Body Modification", also über die Gründe, warum Menschen ihren Körper zum Beispiel mit Tätowierungen und Piercings verändern: "Wir leben in einer Massengesellschaft, die gerade in den Großstädten immer anonymer wird. Viele versuchen, ihre Individualität mit Körperschmuck aufrechtzuerhalten."

Piksen als Mutprobe

Ihr erstes Tattoo hat sich Sarah mit 18 Jahren stechen lassen. Ursprünglich wollte sie sich jedes Jahr ein neues machen lassen, aber dann ist ihr das Geld ausgegangen. Die Comicfigur hat sie 120 Euro gekostet, die Schriftborte 160 Euro. Als Nächstes will sie sich im Genitalbereich tätowieren lassen. "First Class Perfektion in Reinkultur" soll dort in konischer Form stehen. Den möglichen Schmerzen beim Tätowieren dieses empfindlichen Bereichs sieht sie gelassen entgegen. Das Stechen ihres Beintattoos habe sich "wie Epilieren" angefühlt.

Weil Tätowierungen mehr seien als nur ein Piksen, haben sie auch die Funktion von Mutproben, sagt Erich Kasten. "Bei Naturvölkern gab es Mannbarkeitsrituale, um zum Krieger zu werden. So etwas Seichtes wie Kommunion oder Konfirmation bringt's nicht bei Jugendlichen. Die wollen durch das Ertragen von Schmerzen beweisen, dass sie erwachsen und mutig sind", so der Psychologe.

Sarah will später "im medizinischen Bereich" arbeiten. Sicherheitshalber will sie sich erst mal nur an verdeckten Körperstellen tätowieren lassen. Arme, Dekolleté und Gesicht sollen frei bleiben.

Genau an diesen Stellen ist Sarah Settgast mit farbigen Tattoos übersät. Ihre Arme gleichen einem Wimmelbild. Neben ihrem rechten Ohr steht in schwarzer Schrift "Mutterglück". Die 27-Jährige hat eine 16 Monate alte Tochter. Unter ihrem Kinn steht "Demut". Unter ihrem rechten Auge hat sie eine kleine schwarze Träne. "Ich bin ein fröhlicher Mensch, dennoch wollte ich schon immer eine Träne als Tattoo haben, weil es ein klassisches Motiv ist, das ich sehr schön finde." Für ihre Tätowierungen im Gesicht hat sich die gelernte Augenoptikerin bewusst entschieden. "Ich bin davon überzeugt, dass mich die Leute einstellen, weil ich eine gute Arbeitsleistung erbringe und eine nette Person bin. Die Tattoos sollten an zweiter Stelle stehen", sagt sie. Sie arbeitet als Brillendesignerin für ein Berliner Label.

"Für meinen Chef sind meine Tätowierungen von Vorteil. Wir fahren auf internationale Messen, und da ist es gut, dass ich mich optisch abhebe." Nach Dortmund ist sie gekommen, um ihren Mann zu unterstützen, der sich auf der Messe als Tattookünstler zeigt. Am Stand beantwortet sie die Frage einer Besucherin. Die will wissen, ob das Stechen auf den Fingern wehtut. Außen schmerze es mehr als innen, sagt sie. Settgasts Hände sind komplett tätowiert. Auf ihrem linken Arm lächelt ein kleines Mädchen. "Das ist meine Mutter als Achtjährige in ihrer Jungpionieruniform", sagt sie. Durch die Schattierungen sieht das Porträt fast dreidimensional aus.

Fotorealistische Tattoos waren vor einigen Jahren noch nicht möglich. "Die Maschinen und Nadeln sind besser. Auch die Farben sind mittlerweile viel feiner. Das ermöglicht eine modernere Technik", sagt Manfred Heise, Tätowierer aus Dinslaken. Im Vergleich zu vielen anderen Tattookünstlern ist er wenig tätowiert. Der Mann mit dem gestutzten, grauen Bart glaubt an die heilende Wirkung von Tattoos. "Das Geheimnis eines Tattoos ist es, den Körper mit der Seele zu verbinden."