Ray-Ban

Die kleine Schwarze für den Mann

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Oliver C. Schilling

Vor 75 Jahren wurde die erste Ray-Ban erfunden. Heute hat die Marke längst Kultstatus erreicht

- Niemals hätte John MacCready, Generalleutnant der US Air Force, damit gerechnet, was sein Auftrag auslösen würde. 1929 bat er bei Bausch & Lomb, einem Hersteller für medizinisch-optische Geräte, um die Entwicklung von speziellen Gläsern, die ihn und seine Mannschaft vor dem blendenden Licht bei einem Höhenflug schützen sollten. Dank der technischen Entwicklung konnten die Jets immer höher fliegen. Piloten hatten aber bis dahin keinen effektiven Schutz gegen die intensive Sonnenstrahlung. Viele Soldaten litten unter starken Kopfschmerzen oder Übelkeit. Die Forscher des Optik-Giganten machten sich also ans Werk und erfanden jenes Modell, das als "Pilotenbrille" zum Stil-Klassiker wurde: die Aviator von Ray-Ban.

Synonym für coole Brille

Auch wenn die Marke erst 1937 als Tochterunternehmen von Bausch & Lomb gegründet wurde, ist doch John MacCready dafür verantwortlich, dass der Name Ray-Ban zum Synonym für coole Sonnenbrillen wurde. Denn sein Briefing - das effektive Blockieren (Ban) von Sonnenstrahlen (Ray) - war es, das dem Unternehmen den Namen gab. Nun feiert die Marke 75jährigen Geburtstag. Sie gehört heute zur Luxottica Group, einem der weltweit größten Anbieter für Korrektur- und Sonnenbrillen. Die Modelle Aviator und Wayfarer gehören zu den weltweit am meisten verkauften Sonnenbrillen aller Zeiten, sind seit Generationen Stil prägende Accessoires der Trendsetter. Der modische Erfolg kam natürlich rein zufällig. Schließlich waren Ray-Bans vor allen Dingen Schutz-Ausrüstung für unglamouröse Berufsgruppe wie, sagen wir, Astronauten. Die NASA-Angestellten hatten wahrscheinlich andere Sorgen auf dem Weg zum Mond als der Gedanke, ob sie im Raumschiff lässig aussehen.

Dennoch trugen bereits in den Fünfzigern immer mehr Intellektuelle wie Arthur Miller, sowie Schauspieler und Musiker die Modelle von Ray-Ban. John F. Kennedy sonnte sich in den Hamptons mit einer Aviator. Marilyn Monroe versteckte ihre traurigen Augen vor der Welt mit dem gleichen Modell. Es folgten auch Pattie Smith, Madonna und heute Beth Ditto als Stammkunden. "Easy Rider" Peter Fonda trug natürlich auch eine RB 3119 - 001.

Als 1980 der Film "The Blues Brothers" startete, spielte neben John Belushi und Dan Aykroyd die schwarze Wayfarer eine Hauptrolle. Die 1956 lancierte Brille hatte ihre eigentliche Hochzeit bis in die sechziger Jahre hinein gehabt. Als John Landis Werk ins Kino kam, wurden gerade noch 18000 Stück verkauft, wenig für die Unternehmens-Verhältnisse. Dies änderte sich danach selbstverständlich schlagartig. Die erste It-Brille war geboren. Zum 75. Geburtstag sind die bekanntesten Träger im limitierten Fotoband "Legends: Untold Stories" verewigt, der leider nur Freunden des Hauses überreicht wird.

Mit der Retro-Welle Anfang des neuen Jahrtausends feierte die Pilotenbrille ein fulminantes Comeback. Frauen wollten so aussehen wie Carrie Bradshow in "Sex and The City", die natürlich zum "Coffee to go" eine Aviator trug. Heute ist die Wahl der richtigen Sonnenbrille auch bei Männern so wichtig wie das Eincremen mit Lichtschutzfaktor 30+. Nie gab es so viele verschiedene Modelle. Jede Designermarke sieht das Accessoire mit den beiden Bügeln (praktisch für Logo-Werbung) als Einstiegs-Produkt in die Luxuswelt. An mangelnder Auswahl liegt es also nicht. Dennoch gehört Ray-Ban zu den bekanntesten und beliebtesten Marken. Im Grunde überraschend für ein Unternehmen, das seine Modelle quasi nie umfassend verändert hat und mit einem kleinen Schriftzug auf den Gläsern auskommt. Doch am Ende ist es, vor allem bei Männern, eben so: Viele Gedanken will man sich nicht über die "modische Aussage" machen. Das verbindet Jungs sicherlich mit Astronauten. Im Sommer gibt es wichtigere Themen. Fußball, Olympia, am Badesee liegen, mit den Kumpels im Park ein Bier trinken oder am Grill die marinierte Hühnerbrust wenden. Und genau darin liegt (nicht dem Grill, natürlich!) liegt das Erfolgsgeheimnis von Ray-Ban: Sie ist quasi das Kleine Schwarze des Mannes: stylish, zeitlos, praktisch.

Lustige Kampagne zum Jubiläum

Dank des großen Erfolgs werden die klassischen Modelle längst von den modischen Mitbewerbern aus Mailand oder Paris kopiert. Folge: Auch Ray-Ban profitiert davon und erlebt von Sommer-Hoch zu Sommer-Hoch (oder auch Tief, das macht keinen Unterschied) ein weiteres Erfolgs-Gewitter. Burberry bietet beispielsweise gerade bunte Gestelle im Wayfarer-Style an. Prada hat Pilotenbrillen mit blauen Gläsern im Programm. Doch warum eine Kopie tragen, wenn es das Original gibt? Zumal auch Ray-Ban immer wieder neue Varianten seiner Klassiker auf den Markt bringt. Dies führt dazu, dass eingefleischte Fans nicht darüber sprechen, welche andere Marke sie sich kaufen, sondern nur, ob nun die Aviator in Gold mit Leder-Steg besonders cool ist. Oder ob man doch lieber gleich eine Variante mit verspiegelten Gläsern nimmt.

Jetzt haben Ray-Banistas ein neues Gesprächsthema. Im Jubiläumsjahr gibt es nicht nur eine amüsante Werbekampagne ("Never Hide"), sondern auch eine Neuauflage der Ambermatic von 1978. Die Modelle haben gelbe Gläser, die sich an bestehende Licht- und Temperaturverhältnisse anpassen. Diese Art von Alltagstauglichkeit hätte sicher auch John MacCready, dem Generalleutnant der US Air Force, gefallen.