Fernsehen

Die Rückkehr des Fieslings

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Hannes Stein

In die gemütlichen 80er-Jahre platzte die Seifenoper "Dallas". Jetzt kommt ihre Neuauflage

- Das Jahr war 1981. Der amerikanische Präsident hieß seit gerade eben Ronald Reagan, in der Bundesrepublik Deutschland regierte Helmut Schmidt; "DDR" wurde in der Berliner Morgenpost noch mit Anführungszeichen geschrieben. Wenn man den Fernsehapparat einschaltete, gab es jeweils genau drei Programme: das Erste Deutsche Fernsehen, das Zweite Deutsche Fernsehen und die verschiedenen Regionalsender. Sendungen hießen "Dalli Dalli", "Am laufenden Band" und "Je später der Abend". Kurzum: Die Mauer stand noch auf ewige Zeiten, und in Deutschland war alles noch ganz schrecklich gemütlich.

Da rauschte aus Amerika eine Seifenoper über den Atlantik, die überhaupt nicht zu dieser Idylle passte. Sie hieß "Dallas" und handelte von Ölfeldern, Frauen mit großen Brüsten und einer texanischen Ranch namens Southfork. Es gab ausgefeilte Intrigen und Bettgeschichten zu besichtigen, und im Wesentlichen drehte sich alles um einen Stinkstiefel namens J. R. Ewing. Er war sozusagen ein Bösewicht zum Liebhaben. Spätergeborenen müssen wir kurz erklären, dass J. R. ein Ölbaron mit weißem Stetson-Hut war - Markenzeichen: ein breites und perfides Grinsen. Gespielt wurde er von einem damals noch deutlich jüngeren Schauspieler namens Larry Hagman.

Der Bruderzwist wird nie alt

Dann kamen Helmut Kohl und seine geistig-moralische Wende. "Dallas" aber hat uns die gesamten 80er-Jahre über begleitet - bis die Sowjetunion zusammenbrach (sogar noch ein bisschen darüber hinaus, die Serie lief erst 1991 aus).

Nun hat der amerikanische Fernsehsender TNT sich entschlossen, "Dallas" neu zu beleben. Kann das überhaupt funktionieren? Es geht sogar sehr gut. Schließlich wurde in "Dallas" ein klassisches Thema abgehandelt - der Bruderzwist. Dem hinreißenden Bösewicht stand sein Bruder Bobby gegenüber (gespielt von Patrick Duffy); und Bobby Ewing war das, was man heutzutage als Gutmensch bezeichnet. Ein solches Thema wird nie alt. Bobby Ewing hat einen Adoptivsohn, Christopher; in der Originalserie wurde er vom hässlichsten Baby der Fernsehgeschichte gespielt, mittlerweile ist dieses Baby zu einem ansehnlichen jungen Mann herangereift (Jesse Metcalfe). Christopher träumt von alternativen Energiequellen, er will weg vom Ölgeschäft, und anfangs hat er auch nichts dagegen einzuwenden, dass sein Papa die Familienranch Southfork verkaufen will, damit sie in ein Naturschutzgebiet umgewandelt wird.

Bobby Ewing, mittlerweile grauhaarig, leidet unter einem ganz schlimmen exotischen Krebs; wir sind zuversichtlich, dass er bald ins Gras beißen wird. Das ist auch nur gerecht, denn Bobby war schon einmal tot. Aber dann wollte Patrick Duffy seine Rolle wiederhaben; und so kam es, dass viele Folgen später Bobby Ewing eines Morgens fröhlich unter der Dusche stand. Alles, was bis zu jener Episode passiert war, wurde rückwirkend zu einem Albtraum seiner Ehefrau erklärt. Ein gewagtes erzählerisches Manöver? Unsinn, es handelte sich um Verrat am arglosen Zuschauer, der ja um die tote Figur getrauert hatte, wie es sich gehört; nun sah er sich um die Mühen seiner Trauerarbeit betrogen. Ein solcher Verrat muss naturgemäß geahndet werden. Wir spekulieren also: Wenn Bobby Ewing dieses Mal stirbt, dann stirbt er. Was aber ist mit J. R.? Die ungeschminkte Wahrheit ist, dass der Schauspieler Larry Hagman zwischendurch wirklich an Krebs erkrankt war. Diese Erkrankung wird geschickt ausgenutzt: Am Anfang ist der alte Bösewicht in einer tiefen Depression versunken, er sitzt bleich in einem Sessel. Aber dann kommt Sohnemann und erklärt ihm, mit welch unsauberen Mitteln er um die Ranch und die Ölquelle zu kämpfen gedenkt. Wir ahnen: Der Sohn wird den Meisterintriganten schon bald mit krummen Touren austricksen; J. R. wird darüber vor Kummer die Gallenblase platzen. Aber noch im Sterben wird er seinem Junior die Hand drücken.

Und wieder wird es kritisch

Bleibt am Schluss die Frage: Warum kehrt "Dallas" gerade jetzt ins Fernsehen zurück? Wir hatten vorhin beobachtet, dass die ursprüngliche Serie die letzte Phase des Kalten Krieges begleitet hat. Nun befinden wir uns momentan in einer ähnlich zweifelhaften Phase: Die Amerikaner ziehen sich von zwei Kriegsschauplätzen zurück, eine feindliche Macht steht kurz vor der Entwicklung von Atomwaffen, in verschiedenen Ländern kommen Fundamentalisten an die Macht.

Offenbar glaubt man im Hauptquartier der CIA, dass J. R. junior auf seine Weise ebenso furchterregend sein wird, wie es der Papa gewesen ist. Die islamischen Terroristen werden vor ihren Fernsehgeräten sitzen und respektvoll ausrufen: "Allah ist groß, aber ,Dallas' ist größer." Wir prophezeien: Die neuen Folgen dieser Seifenoper werden uns ziemlich genau ein Jahrzehnt lang begleiten. Und am Ende wird Amerika den Krieg gewonnen haben.