Medien

Mit Haut und Hasen

Vor 40 Jahren erschien der erste deutsche "Playboy". Er wurde zur publizistischen Institution - trotz einiger Krisen

- Der bekannte Witz, in dem ein ertappter "Playboy"-Leser sich darauf herauszureden versucht, er kaufe das Herrenmagazin mit dem einschlägigen Centerfold nur wegen der interessanten Artikel und Interviews, ist längst keiner mehr. In einer Welt, in der der Anblick entblößter weiblicher (und männlicher) Körper inflationär geworden und allenfalls einen Mausklick weit entfernt ist, in der Pornodarstellungen jeglichen Detailliertheits- und Härtegrades in Überfülle praktisch jederzeit verfügbar sind, würde sich heute wohl umgekehrt ein "Playboy"-Konsument dem Spott ausliefern, gäbe er an, er brauche das Hochglanzheft, um sich vom Anblick unbekleideter weiblicher Körper in Stimmung bringen zu lassen.

So gesehen ist es fast ein Wunder, dass es den "Playboy" als Institution und Symbol freizügiger Lebensart überhaupt noch gibt. Zehrte die Marke "Playboy" einst vom Nimbus des Tabubruchs, einmal mutiger Vorreiter progressiv-liberaler Weltoffenheit gegen den sexuellen und geistigen Puritanismus der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft gewesen zu sein, wirkt sie heute unter der Flut von Nachahmern auf dem Feld der Herren- und Lifestylemagazine eher wie ein ehrwürdiger Klassiker. Die unbekleideten Damen gibt es darin zwar nach wie vor, doch man blickt auf sie eher wie auf traditionsdurchdrungene Accessoires, als dass sie noch Objekte verstohlener Wollust wären.

Sexuell aufgeklärt waren alle

Als vor 40 Jahren, am 1. August 1972, die erste Nummer des deutschen "Playboy" erschien, war die "sexuelle Revolution" der 60er-Jahre bereits längst in die Mitte der Gesellschaft eingedrungen, und sexuell allem gegenüber aufgeschlossen zu sein gehörte nun zum Idealbild des aufgeklärten, gesellschaftspolitisch fortschrittsorientierten Bürgers. Es war die Hochphase der sozialliberalen Koalition, in der die anarchoradikalen Impulse der Jugendrevolte gezähmt und in ein großes sozialpädagogisches Erziehungsprogramm kanalisiert wurden. "Verklemmt" zu sein galt damals als Wurzel aller gesellschaftlichen Deformation durch die "autoritäre Persönlichkeit", von der die moderne soziale Demokratie Abschied nehmen wollte.

Als der deutsche "Playboy" das Licht der Welt erblickte, galt das, wofür er stand, somit gewissermaßen bereits als anachronistisch. Denn von der Jugendbewegung und vom Feminismus wurde er nunmehr bezichtigt, die sexuelle Emanzipation nur vorzuschieben, um in Wahrheit einen phallozentrischen Kult männlicher Promiskuität zu zelebrieren, dem Frauen nur als Lustobjekte und Potenztrophäen galten. Der Typus des Playboys, nach dem Gründer Hugh Hefner sein Erfolgsmagazin benannt hatte und der in den 50er- und 60er-Jahren noch als In- und Traumbild kosmopolitischer Unabhängigkeit und freudiger Lebensbejahung gegolten hatte, wurde nun zum eher spöttisch belächelten Auslaufmodell. Gefragt war jetzt auch auf sexuellem Gebiet nicht mehr der selbstsüchtig genießende Individualist, sondern das egalitäre, tolerante Kollektiv. Doch die Klischees, mit denen das Magazin "Playboy" belegt wurde, waren in vielerlei Hinsicht ungerecht. Große Meriten hatte es sich keineswegs nur auf dem Feld der sexuellen Libertinage erworben, stets war der "Playboy" auch ein Forum für anspruchsvolle Themen der Politik und Gesellschaft sowie der Literatur. An die Qualität und den Rang seines amerikanischen Vorbilds hat die deutsche Version des Blattes nie herangereicht. Gesellschaftspolitische Akzente wie im vergangenen Jahr, als die junge Schauspielerin Sila Sahin sich als erste Deutschtürkin nackt für den "Playboy" ablichten ließ und dies als Akt der Emanzipation von der Bevormundung durch traditionalistische Familienstrukturen verstanden wissen wollte, versuchte das Blatt eher selten zu setzen. Und wenn, dann entfachten sie doch, wie im Fall Sahin, allenfalls einen sachten Sturm im Wasserglas.

Gleichwohl war der deutsche "Playboy" stets mehr als nur ein x-beliebiges buntes Blatt für Klatsch, Tratsch und Trends oder ein Service zur Befriedigung männlicher Passionen, sei es auf dem Gebiet der Technik oder der Mode und - auch dazu darf sich der moderne Mann neuerdings bekennen - der Kosmetik. All das ist der "Playboy" auch, doch lesenswerte Reportagen und mehr oder weniger anspruchsvolle literarische Texte gehörten stets zum festen Bestandteil der Blattmischung. In seiner Jubiläumsausgabe, die heute auf den Markt kommt, zeigt der "Playboy" noch einmal 40 weibliche Stars, die sich im Laufe der Jahre dort hüllenlos verewigen ließen. Dazu gehören Ikonen wie Uschi Obermaier und Anne Nicole Smith.

Die Zeiten sind glatter geworden

Dass es sich hier doch "um sehr ästhetische Fotografien" handele, ist heute die Standardbegründung der Models. Dabei wäre ein solches Verschanzen hinter dem seriösen Image des Männermagazin-Klassikers eigentlich gar nicht mehr nötig. Längst hat das Prominenten-Nacktfoto die Aura des Verruchten verloren. Heute gilt die Bereitschaft zu zeigen, "was darunter ist", eher als Nachweis dafür, dass man nichts zu verbergen habe. Dabei ist die Authentizität, die der Star beweisen will, keineswegs identisch mit Natürlichkeit. Die Zeiten sind glatter geworden. Und das Natürliche künstlicher.