Prominente

Plötzlich beliebt

Humorvoll, bodenständig und engagiert - Die Mehrheit der Briten will nun doch Prinz Charles als Nachfolger von Queen Elizabeth II.

- In Palmas, der Hauptstadt der nordbrasilianischen Provinz Tocantins, wurde im März 2002 durch den dortigen Gouverneur eine Bronzestatue enthüllt, das Bild eines muskulösen, mächtigen Engels mit weit ausgebreiteten Flügeln, dem zu Füßen sich eine Masse Menschen wälzt, offenbar in inbrünstiger Hoffnung auf Erlösung. "Der Retter der Welt", so der Titel, ist nur mit einem Lendentuch bekleidet, und seine auffangbereiten Arme grüßen den Betrachter wie eine Erscheinung aus der Geheimen Offenbarung. Er stellt Prinz Charles dar.

Ganz so wie in der brasilianischen Regenwaldprovinz steht Prinz Charles, der britische König in spe, für seine künftigen "Untertanen" nicht da. Die wären schon froh, wenn mit ihm dereinst auf dem Thron die Monarchie gerettet bliebe. Das war vor 15 Jahren alles andere als ausgemacht, als der Prinz von Wales nach dem Tod seiner ersten Frau Diana auf einem Abstellgleis des Lebens angelangt zu sein schien, ungeeignet, wie viele meinten, seiner Mutter auf dem Thron zu folgen.

Die Liebe seines Lebens

Nun wird die britische Thronfolge nicht nach den Popularitätswerten der Kommenden entschieden. Sie steht fest, und daher ist an der Nachfolge der hoch geehrten Queen nicht zu rütteln, es läuft auf Charles hinaus. Doch kein Thema interessiert nach dem diamantenen Thronjubiläum mehr als das Schicksal des Erben, und wie die Öffentlichkeit ihn einschätzt in seinem 64. Lebensjahr.

Die jüngste Umfrage aus diesen Tagen schmeichelt ihm sehr: Wenn auch nicht Begeisterung, so gibt es doch wachsende Hochachtung für den "Azubi-König", als welcher Charles seit 60 Jahren auf der Bühne steht. Eine lange Wartezeit, die längste unter allen Thronerben in der Geschichte Großbritanniens. Lag in der Woche vor dem diamantenen Jubiläum bei der Frage, wer auf die Queen folgen solle, noch Prinz William vor seinem Vater, so ist es nun umgekehrt. Das ist, wie gesagt, nicht entscheidend, aber ein wichtiger Wohlfühl-Gradmesser bei der Einschätzung der britischen Monarchie.

Charles wusste die Stunde für sich zu nutzen, als auf halbem Weg der Thronfeierlichkeiten sein Vater erkrankte und er seiner Mutter zur Seite sprang, das Bild eines verlässlichen künftigen Trägers der Krone. Mit ein paar treffenden Worten nach dem Popkonzert vor dem Buckingham-Palast gelang es ihm, das Image eines verstaubten, leicht pompösen Royals abzustreifen und sich als gut gelaunter und entspannter Erbe darzustellen.

An der Schnelligkeit, mit der die Öffentlichkeit in ihrer Gunst umschwenkt, erkennt man auch, wie oberflächlich über einen Mann geurteilt wurde, der so lange im Schatten seiner Eltern und der charismatisch-populären Diana Spencer gestanden hatte. Jetzt sieht man Charles zum ersten Mal wie mit eigenem Profil - auf dem Balkon des Palastes, im Rahmen der bewusst auf die Kernfamilie reduzierten Royals, an der Seite der Mutter als ihr glaubwürdiger Erbe.

Vieles kam zu seinen Gunsten zusammen. In einem BBC-Porträt, in dem er ausgiebig aus seiner Kindheit berichtete, machte er bislang unbekannte Acht-Millimeter-Privatfilme der Familie öffentlich, was ihn sofort nahbarer und menschlicher erscheinen ließ. Sein leiser Humor, mit dem er, durchaus weise geworden, den Lauf der Welt kommentierte, verbarg andererseits nicht seine Leidenschaft für die Themen, die ihm am Herzen liegen - allen voran die Umwelt, wofür man ihn schließlich in Brasilien geehrt und die ihm lange vor der politisch korrekten Mehrheit am Herzen lag.

Last, but not least beginnt die Öffentlichkeit zu verstehen, dass der Prinz mit Camilla die Liebe seines Lebens gefunden hat, die durch alle Krisen hindurch fester verankert blieb, als der Boulevard mit seinen Geschichten von angeblicher Entfremdung der beiden zu erfinden beliebt. Jedenfalls hat sich die Aversion der Öffentlichkeit gegenüber der Herzogin von Cornwall, dem "Rottweiler", wie Diana sie nannte, weitgehend gelegt.

Immer mehr rücken auch die Wohltätigkeitsaktivitäten, die den Prinzen beschäftigt halten, in den Vordergrund. Seine älteste Stiftung, der Prince of Wales Trust, die Charles bereits als Mittzwanziger ins Leben rief, um arbeitslosen Jugendlichen aus gesellschaftlichen Randgruppen den Weg ins Leben zu ebnen, ist inzwischen zur größten Wohltätigkeitsorganisation der Insel herangewachsen. Freilich, wenn der Prinz mit seinen "black spider memos", den "Memoranda der schwarzen Spinne", mit schwarzem Filzstift hingeworfen, sich in ausgesuchte Regierungsressorts einzumischen versucht, ist das Echo unter den Betroffenen weniger freundlich.

Seine Sorgen um den Globus legte Charles im Jahr 2010 in einem gewichtigen Opus auf den Tisch, "Harmony" genannt. Darin zieht er gegen die moderne "mechanistische Wissenschaft" zu Felde, gegen unsere "fragmentarische Sicht der Dinge", die dem "westlichen Denken" entsprungen sei, und beklagt, "dass wir die Aufklärung nicht als Ideologie hinterfragen".

Ähnliche Anliegen trieben schon seinen Vater um, den Herzog von Edinburgh. Sie liegen aber heute im Trend der Zeit, was zur wachsenden Wertschätzung des Prinzen von Wales beiträgt, bei allen Kontroversen, die seine Einmischungen auch immer wieder auslösen. Er meldet sich zu Wort, sagt das Volk, er kommt aus der Deckung; das spricht für ihn. Noch kann er es, als Prince of Wales. Als Charles III. wird er es nicht mehr können. Seiner Zeit auf dem Thron aber sieht man inzwischen mit größerer Gelassenheit entgegen.