Urteil

Es war der Dingo

Nach 32 Jahren steht endgültig fest, dass nicht die Mutter das Baby tötete

- Pausbäckig und süß - so lernt die Welt Azaria Chamberlain 1980 auf Fotos kennen. Da ist das neun Wochen alte Baby längst verschwunden, entweder gefressen von halbwilden Hunden, Dingos, wie die Eltern beteuern - oder ermordet von ihrer Mutter, wie die Öffentlichkeit schnell glaubt. Der Fall von Baby Azaria und den Dingos im australischen Outback hat die Dramatik eines Horrorfilms, es gibt Gerüchte über Hexerei und Blutopfer. Der Mordprozess wird zum Medienspektakel. Mutter Lindy wird erst verurteilt, dann freigesprochen. Am Dienstag findet die Saga ihr juristisches Ende. Nach 32 Jahren urteilt eine Richterin: Ein Wildhund war verantwortlich für den Tod der kleinen Azaria. Für die Eltern ist ein jahrzehntelanger Kampf zu Ende.

August 1980: Pastor Michael Chamberlain von der Freikirche der Adventisten des Siebenten Tages zeltet mit seiner Frau und den Kindern Aidan (6), Reagan (4) und dem Baby Azaria am Uluru, dem Steinmassiv in Zentralaustralien, das früher Ayers Rock hieß. Die Chamberlains sitzen mit anderen Urlaubern beim Lagerfeuer zusammen. Plötzlich helle Aufregung: Das Baby ist weg, einfach verschwunden. "Dingos", sagt Lindy sofort, "sie haben mein Baby verschleppt."

Die Dingo-Theorie stößt auf Skepsis, und Lindy Chamberlain will so gar nicht in das Bild der verzweifelten Mutter passen. Sie schluchzt sich nicht in die Herzen der Fernsehzuschauer. Sie ist gefasst. Sie verweist auf ihren Glauben. "Ich habe beschlossen, mich auf die schönen Erinnerungen zu konzentrieren, nicht den Schmerz", so Lindy. Dann tauchen bizarre Gerüchte auf: Die Chamberlains hingen einem Kult an, der Kinderopfer verlange.

Azarias blutige Babykleidung wird gefunden, wie mit einer Schere zerschnitten und laut Anklage ohne eine Spur von Dingo-Speichel. Lindy sagt, das Baby habe eine Jacke angehabt. Man glaubt ihr nicht. Lindy wird 1982 wegen Mordes verurteilt, ihr Mann wegen Beihilfe zu einer Bewährungsstrafe. Lindy habe das Kind aus dem Zelt geholt, im Auto mit einer Schere erstochen und die Leiche verschwinden lassen, sind die Geschworenen überzeugt.

Vier Jahre später finden Wanderer das Jäckchen, das Azaria trug, in der Nähe eines Dingo-Baus. Lindy wird entlassen. Das Blut im Auto der Chamberlains entpuppt sich als Schalldämpfer-Spray. Das Urteil gegen sie und ihren Mann wird 1988 aufgehoben. Im gleichen Jahr kommt das Drama in die Kinos - mit Meryl Streep ("Ein Schrei in der Dunkelheit").

In Darwin urteilt am Dienstag Untersuchungsrichterin Elizabeth Morris, dass Azaria starb, weil sie von einem Dingo verschleppt und angegriffen wurde. Diese Todesursache steht nun auch auf dem Totenschein. Lindy bricht in Tränen aus. Sie sei "erleichtert und erfreut", dass diese "Saga" nun ein Ende habe, sagt sie. Doch nicht für alle ist der Fall abgeschlossen. Einer der ermittelnden Polizisten bleibt dabei: An Azarias Verschwinden waren Menschen beteiligt. Die Chamberlains sind heute geschieden, haben andere Partner geheiratet. Lindy ist seit mehr als 20 Jahren Motivationstrainerin. Ihr Hauptthema: Vergebung.