Interview: Sylvie van der Vaart

"Wie eine kleine, süße Schwester"

Sylvie van der Vaart ist beruflich viel unterwegs. Zu Deutschland hat sie eine innige Beziehung

- Sie ist viel unterwegs. Sylvie van der Vaart (34) hat gerade in Köln die RTL-Show "Let's Dance" moderiert, da geht es schon zurück nach London. Ein Fahrer bringt sie zum Flughafen. In der englischen Metropole lebt die Niederländerin mit ihrem Mann Rafael (29), der für Tottenham Hotspur gegen den Ball tritt. Am Mittwoch trifft Rafael van der Vaart mit seiner Nationalmannschaft in der zweiten Partie der EM-Gruppe B auf Deutschland. Die Niederlande als Heimat, Deutschland als Arbeitsplatz und seit Rafaels Zeit in Hamburg zweite Heimat - für Sylvie van der Vaart wird es ein besonderer Tag.

Berliner Morgenpost:

Frau van der Vaart, wie sehr freuen Sie sich auf das Spiel?

Sylvie van der Vaart:

Sehr! Ich bin enorm gespannt. Es ist ein bedeutendes Spiel. Ich werde mit Rafaels Eltern im Stadion sein.

Brüllen Sie auf der Tribüne auch mal?

Ich bin mit viel Leidenschaft und Emotion dabei und kann auch richtig ausflippen. Wenn vor den Länderspielen die Nationalhymnen gespielt werden, muss ich weinen. Das wird gegen Deutschland wahrscheinlich auch wieder so sein. Ich bin dann einfach sehr stolz, dass mein Mann für sein Land spielt.

Sie haben in Deutschland gelebt und arbeiten hier. Wünschen Sie sich also ein Unentschieden?

(lacht) Natürlich bin ich ein bisschen mehr für Holland, weil Rafael für die holländische Mannschaft spielt, ich dort geboren bin, meine Familie dort habe und ich den größten Teil meines Lebens in Holland verbracht habe. Aber mein Urgroßvater war Deutscher, und mein zweiter Name Meis ist deutsch. Ich habe sehr gern in Hamburg gelebt, arbeite mit viel Spaß in Deutschland und fühle mich mit den Deutschen sehr verbunden. Vielleicht könnte ich auch mit einem Unentschieden leben. Das sollte Rafael aber besser nicht hören.

Wem drückt Ihr Sohn Damian die Daumen?

Er ist in Holland geboren und die ersten Jahre in Hamburg aufgewachsen. Seine Nanny ist eine Deutsche. Und wo immer wir gelebt haben, Madrid, Amsterdam, London, seine deutsche Nanny war immer dabei. Er spricht genauso gut Deutsch wie Holländisch und hat beide Trikots. Freunde von uns haben ihm das deutsche Trikot geschenkt, und er hat es natürlich auch angezogen. Rafael hat gesagt: Das ziehst du sofort aus! Das ging für ihn als holländischen Nationalspieler dann doch zu weit (lacht).

Wie sehr freuen sich die Menschen in Ihrer Heimat auf dieses Spiel?

Alle wissen, dass es eine sehr schwere Gruppe ist. Eine echte Hammergruppe! Jeder spricht über dieses Spiel. Es kommt selten vor, dass die beiden Mannschaften bei einem großen Turnier aufeinandertreffen. Und es ist zu spüren, dass es zwischen ihnen eine besondere Rivalität gibt. Es ist aber kein Hass, sondern einfach eine starke Konkurrenz.

Wie lautet Ihr Tipp?

Mein Mann sagt, dass wir gewinnen. Ich wünsche mir - sicher auch für ihn -, dass er recht hat.

Das bislang letzte Spiel hat Deutschland sehr deutlich gewonnen, 3:0.

Ja. Da hat Rafael nicht gespielt. Und Robin van Persie und Arjen Robben haben auch gefehlt. Aber ich gebe zu: Wir saßen damals vor dem Fernseher und dachten, wow, sind die Deutschen gut.

Welche Klischees über die Deutschen stimmen?

In Holland wird über die Deutschen gesagt, dass sie immer pünktlich und diszipliniert sind. Ich denke, da ist was dran. Und natürlich verbinden die Holländer mit ihnen Bier und Wurst.

Und welche Holland-Klischees stimmen?

Die Deutschen verbinden mit uns Holzschuhe und Käse. Sie sagen zudem, dass bei uns alles kleiner ist und wir alles verniedlichen. Das stimmt zum Teil ja auch. In meiner Sendung "Let's Dance" kriege ich jedes Mal einen Holland-Witz ab. Wir haben ja nur 16 Millionen Einwohner, Deutschland über 80 Millionen. Es gibt aber auch viele Ähnlichkeiten. Holland ist ein kleines Deutschland. Quasi die kleine, süße Schwester. Und soll ich Ihnen mal was sagen?

Gern!

Ich glaube, dass die Deutschen gern Witze über uns machen, gerade weil sie uns auch mögen. Wie sagt man so schön: Was sich liebt, das neckt sich. Dieser Satz beschreibt die Beziehung der beiden Länder ziemlich gut.

Sind Holländer lockerer als Deutsche?

Sie stehen auf jeden Fall für Fröhlichkeit und Humor und können gut über sich selbst lachen. Als Rafael beim HSV gespielt hat, war auch nicht alles Sonnenschein. Es geht darum, wie man mit schwierigen Phasen umgeht. Holländer versuchen, aus allem das Beste zu machen, und können sich sehr gut anpassen. Es ist wie bei der EM: Wenn es schwer wird, dann kommt es drauf an. Dann zeigt sich der Charakter.

Was sind die Stärken der Deutschen, gerade im Fußball?

Mental sind die Deutschen hervorragend. Rafael und ich sprechen oft darüber. Es gibt kaum Mannschaften, die sich so in einem Turnier steigern können wie die Deutschen. Im Kopf sind sie unglaublich stark, das bewundert Rafael auch. Die Deutschen haben zudem einen großen Teamgeist. Es geht bei ihnen nie darum, dass ein Einzelner glänzt. Es geht immer nur um das gemeinsame Ziel.

Auf welchen deutschen Spieler müssen die Holländer besonders achten?

Rafael hat ja für Real Madrid gespielt, und daher sehen wir uns im Fernsehen viele Spiele der spanischen Liga an. Mesut Özil ist sehr gut. Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller vom FC Bayern sind auch sehr stark.

Nach dem aus Ihrer Sicht besten Holländer muss ich wohl nicht fragen.

(lacht) Natürlich Rafael! Im Ernst: Auch Robin van Persie, Arjen Robben und Wesley Sneijder sind sehr kreative Spieler. Sie können den Unterschied ausmachen. Holland spielt einfach schönen Fußball. Mal sehen, wie weit wir damit kommen.

Sind Sie mit deutschen Spielerfrauen befreundet?

Eher mit den holländischen. Spielerfrauen sind nicht so, wie viele denken. Sie trinken nicht ständig zusammen Kaffee und essen Kuchen.

Sie interessieren sich sehr für Mode. Welche Fußballer kleiden sich besser: die deutschen oder die holländischen?

Ich habe mal Fotos von Bastian Schweinsteiger gesehen, da sah er fast wie ein Rockstar aus. Mein Mann trägt mal sportliche Kleidung und mal schöne Anzüge aus Italien. Bei beiden Nationen gibt es Highlights und weniger gelungene Outfits. Also sage ich: Unentschieden!

Unser Bundestrainer Joachim Löw gilt fast schon als Stilikone.

Er ist immer sehr gut angezogen und sieht sehr elegant aus. Und wir können auf unseren Trainer Bert van Marwijk stolz sein, er kleidet sich genauso gut.

Cristiano Ronaldo hingegen polarisiert. Wie ist Ihre Meinung zu Portugals Superstar, gegen den Holland in der letzten Gruppenpartie spielt?

Ich habe mal die Fifa-Awards moderiert und ihn dabei kennengelernt. Er hat damals den Preis gewonnen und war sehr höfflich und nett. Natürlich hat er auf dem Spielfeld eine besondere Gestik. Wir sollten Menschen aber nicht zu schnell einen Stempel aufdrücken, wenn wir sie nicht kennen.