60. Thronjubiläum

Die Queen schaukelt die Parade

Königin verstößt gegen das Protokoll und läuft an der Reeling entlang

- Von den Briten wissen wir, dass sie wie niemand sonst königliche Spektakel zu inszenieren wissen, seien es Hochzeiten im Hause Windsor oder regelmäßige Eröffnung der Parlamentsperiode durch die Queen. Aber was sich am Sonntag auf ihrer ikonischen Themse, der Herzader der britischen Geschichte, abspielte, schlug alles bisher Bekannte. Ein elf Kilometer langer Schiffscorso, der von Chelsea aus bis zur Tower Bridge im Tempo von fünf Knoten vorbeischaukelte, ein Wasser-Festival, ein schwimmendes Glastonbury. Millionen Zuschauer, ob entlang des Flusses, an den heimischen Fernsehgeräten oder im globalen Dorf der Schaulustigen, konnten sich nicht sattsehen an dieser Aufführung zum diamantenen Thronjubiläum der Königin.

Der Wettergott hatte die ganze Nacht hindurch strömenden Regen ausgeschickt, der sich am Morgen zu einem Nieseln milderte, wie schon damals am 2. Juni 1953, dem Krönungstag von Elizabeth. Aber die Briten sind hart im Nehmen und lassen sich in ihrer Begeisterung nicht vom Wetter abschrecken. Zumal es pünktlich zum Festzug bei gleich bleibender Kühle vorübergehend trocken wurde.

Angeführt wurde der Korso, natürlich, mit der für diesen Anlass vollkommen umgerüsteten 70 Meter langen "Spirit of Chartwell", mit drei Thron-Generationen an Bord, der Queen, Prinz Philip, dem Prinzen von Wales und Camilla, der Herzogin von Cornwall, sodann dem Herzog und der Herzogin von Cambridge, William und Kate, neben engen Freunden der Familie. 45 Floristen hatten dafür einen schwimmenden Garten kreiert.

Die Skipper der anderen Schiffe hatten übrigens ein 36-Seiten-Dossier mit Instruktionen erhalten. Eine Anweisung lautete: "Wenn jemand über Bord geht - nichts tun!" Nichts sollte den Festzug stören - für den Fall der Fälle waren eigens Schnellboote abgestellt.

Die Königin - ganz in ein weißes Gewand gehüllt und mit farblich passendem Hut - verstieß an Bord des prunkvoll hergerichteten Schiffes "Spirit of Chartwell" allerdings wiederholt gegen das Protokoll. Statt auf dem Thron aus rotem Samt mitten auf dem Oberdeck Platz zu nehmen, ging die sechsfache Großmutter und zweifache Urgroßmutter zunächst unaufhörlich an der Reeling entlang, sprach mit Crewmitgliedern und verfolgte die Vorführungen ihrer Landsleute am Ufer.

Mit einem Pimm's auf die Queen

Die drängten sich am Flussufer, trotz der Kälte ließen sie sich auf Klappstühlen nieder. Vom Pappteller bis zum Regenmantel regierte wie auch auf den rund 10.000 Straßenpartys im ganzen Land der britische Union Jack in den Farben Rot, Weiß und Blau. Angestoßen wurde mit dem typisch englischen Cocktail-Getränk Pimm's, zudem knallten viele Sektkorken. Einige kamen aber gar nicht mehr rechtzeitig ans Themse-Ufer, weil Sicherheitsleute sie aus Angst vor Überfüllung zurückwiesen.

Thronfolger Prinz Charles beließ es nicht beim Schauen und Winken, er mischte sich unters Volk - ungewollt allerdings. Auf dem Piccadilly Circus im Zentrum Londons setzten sich Charles und seine Frau Camilla am Vormittag gemeinsam mit 2000 Bürgern und Touristen aus aller Welt an einen der gedeckten Tische zum großen "Jubiläums-Lunch". Wie die übrigen Teilnehmer trotzte er dem miserablen Wetter mit Nieselregen und Wind - und sang mit ihnen "God Save the Queen".