Naturkatastrophe

In Italien bebt die Erde wieder

Zum zweiten Mal haben Erdstöße die Emilia-Romagna schwer erschüttert. Mindestens 16 Menschen sterben

- Es ist ein sonniger Morgen, gegen 9 Uhr, als ein lautes Grollen die Einwohner der Emilia-Romagna aufschreckt. Gerade ist über den Nachrichtensender Sky TG24 ein Bericht aus San Felice sul Panaro gelaufen über eine Zeltstadt mit Überlebenden des Erdbebens vom 20. Mai, da gerät der Boden erneut heftig in Bewegung. Plötzlich sind auf dem Bildschirm Menschen zu sehen, die in Todesangst aus den wankenden blauen Zelten rennen. Panik und Chaos sind in die norditalienische Region zurückgekehrt.

Das Beben mit der Stärke 5,8 auf der Richter-Skala und die in den nächsten Stunden folgenden fordern nach Angaben des italienischen Katastrophenschutzes mindestens 16 Todesopfer und eine zunächst noch ungewisse Zahl möglicher Vermisster. Unter den Toten sind auch mehrere Fabrikarbeiter.

Die Gegend um die Provinz Modena ist eigentlich flach, und Teil der weiten Po-Ebene, wo Beben nicht so häufig vorkommen wie in Gebirgen, wo Geologen solche Verwerfungen eher erwarten. Diesmal ist die Erschütterung jedoch wieder so stark, dass sie für 15 Sekunden bis Südtirol deutlich zu spüren ist, wie bei dem Beben vor Ferrara vor einer Woche, wo seitdem noch Tausende Erdbebenopfer in einer Zeltstadt wohnen. Seitdem herrscht in der Provinz bereits der Notstand.

Menschen rennen um ihr Leben

Das Epizentrum liegt diesmal etwas weiter westlich, zwischen Carpi, Medolla und Mirandola. In Dutzenden Gemeinden um das Epizentrum werden immense Sachschäden gemeldet. Ein Teil des Doms der Stadt Carpi ist eingestürzt. Soldaten sind im Einsatz, um die Straßen zu räumen. Die Autofirma Ferrari in Maranello schließt ihre Produktionswerke und schickt die Arbeiter nach Hause. Auch viele Mobilfunkverbindungen brechen zusammen. Die Universität Padua wird evakuiert, die Uni in Bologna vorübergehend geschlossen.

In den Städten und Dörfern laufen Menschen in Panik auf die Straße. Viele Gebäude, die durch das Beben vor einer Woche bereits beschädigt worden waren, stürzen jetzt vollständig ein. In Bologna und Mailand werden Geschäfte und Büros evakuiert, in Florenz in einigen Schulen der Unterricht unterbrochen. Der Zugverkehr kommt zeitweise zum Erliegen. Weil die Hochspannungsleitungen überprüft werden müssen, verkehrt bis zum Mittag kein Zug zwischen Bologna - Verona, Bologna - Padua, Bologna - Piacenza und Verona - Modena. Danach gibt es Entwarnung.

Doch um 12.57 Uhr folgt ein neuer schwerer Stoß der Stärke 5,3 - nach 40 kleineren Stößen in den Stunden davor. Auch dieses Beben wird wieder in ganz Norditalien bis hinauf nach Innsbruck gespürt und versetzt die Bevölkerung erneut in Schrecken. Weitere Gebäude stürzen ein. Tausende Menschen rannten in Panik auf die Straße. Ein Arbeiter wird in einem Lagerhaus verschüttet. In dem Dorf Mirandola sterben Arbeiter in einem einstürzenden Lagerhaus, darunter ein Pakistaner und Marokkaner, in Rovereto di Novi ein Pfarrer.

Die kommunistische "Unità" stellt zu dem neuen Beben rasch ein Mosaik aus Stimmen zusammen, das die Leser der Redaktion über verschiedene soziale Netzwerke schreiben und twittern. Paola Crippa, im 8. Monat schwanger, berichtet da zum Beispiel aus dem 6. Stock eines Hotels in Viareggian: "Die Koffer waren gepackt. Mein Freund im Aufzug, als das Bett und die Lampen zu tanzen begannen. Ein furchtbares Gefühl." Ser Lillian im östlichen Triest am Mittelmeer: "Das Bett tanzte um 9 Uhr. Mir schien es länger als die anderen Beben."' Thomas Calce: "In Venedig ist am Eingang der Stadt eine Statue von einem Palast gestürzt. Welche Angst!". Massimo Petrati in Rustalla: "In der Reggio Emilia wurden die Schulen evakuiert. Hier hat man Angst, dass die Kuppeln von San Carlo und San Francesco zusammenbrechen. Panik."

Im fernen Rom versprach Ministerpräsident Mario Monti den Betroffenen: "Der Staat wird alles daran setzen, die Schäden sobald wie möglich zu beheben." Zugleich unterstrich er die Bedeutung der Emilia-Romagna: "Sie ist für Italien so wichtig, so besonders und so produktiv." Nach dem Erdbeben vom 20. Mai, das sieben Menschen das Leben kostete und mehr als 5000 obdachlos machte, hatte die Regierung bereits 50 Millionen Euro für den Wiederaufbau bereit gestellt.