Literatur

Michelle Obama, die ewige Gärtnerin

Die First Lady schreibt über ihren Küchengarten im Weißen Haus

- Der exklusivste Gemüsegarten Amerikas, bewacht vom Secret Service und betreut von Michelle Obama selbst, ziert seit April 2009 den südlichen Rasen des Weißen Hauses. Seit Dienstag hat der Garten, aus dem zuletzt die Partner der G-8-Chefs von der First Lady ernährt wurden, ein publizistisches Denkmal: "American Grown: The Story of the White House Kitchen Garden and Gardens Across America" (Crown Publishers; 30 US-Dollar) feiert ein Stück demonstrativer Selbstversorgung und Michelle Obamas Kampagne für gesunde Ernährung und Fitness ("Let's Move"). Die First Lady wird in den kommenden Tagen in allen angesagten Talkshows für das Buch werben. Es versteht sich, dass sie daran nichts verdient; die Einkünfte gehen an die Stiftung der US-Nationalparks.

"American Grown" ist ein amerikanisches Hybrid-Gewächs aus First-Family-Tagebuch, Gesundheits-Pamphlet, Rezeptsammlung und Geschichtslektion. Man erfährt, dass Präsident John Adams den Garten nicht mehr abernten ließ, als seine Wiederwahl scheiterte. Die gärtnerischen Niederlagen der First Lady sind wohldosiert eingestreut: nur fünf Kürbisse in drei Jahren, weil die verdammten Dinger einfach nicht wachsen wollen, Insektenplagen und perfekte Melonen, die so aufregend munden wie Papiertaschentücher. Der Familienhund Bo dürfte das am meisten fotografierte Wesen in dem Buch sein; aber auch der Hula-Hoop-Rekord der First Lady (142 Umdrehungen) ist dokumentiert. Nebenbei plaudert sie über die Einwände ihres Mannes, der den Bienenstock zu nahe an seinem Basketball-Halfcourt wähnte.

Politisch wird es in "American Grown" allenfalls indirekt. Wenn das Buch, das in seinen vier Teilen den Jahreszeiten folgt, an Eltern und Schulen appelliert, die Fettsucht der amerikanischen Kinder ernst zu nehmen, ist das ein Stück Politik. Wenn Generalleutnant Mark Hertling, heute der kommandierende Offizier der US-Truppen in Europa, von dem dramatischen Fitnessmangel bei Rekruten berichtet, ist die nationale Sicherheit berührt: 2004 scheiterten vier Prozent der Männer und 10,5 Prozent der Frauen beim sportlichen Musterungstest; 2010 waren die Zahlen der Versager auf 47,6 und 54,6 Prozent empor geschnellt.

Hätte Barack Obama die Beliebtheitswerte seiner Frau, er hätte die Wahl im November schon gewonnen. Gut 70 Prozent der Amerikaner geben in Umfragen an, die First Lady zu schätzen; die Popularität des Präsidenten liegt um die 50 Prozent. Wie man selbst das harmlose "American Grown" als linke Unverschämtheit verstehen kann, macht heute die "Washington Times" vor: "Linksliberale lieben es, anderen Leuten Vorschriften zu machen", beginnt ein Kommentar in dem konservativen Blatt. "Amerikas oberste Kinderfrau Michelle Obama ist keine Ausnahme." Die esse fettige Pommes Frites, während sie ihren Landsleuten gesunde Ernährung predige. Außerdem habe ihre Vorliebe für teure Ferien allein 2010 mehr als zehn Millionen Dollar gekostet. "Für den Steuerzahler", witzelt der Kommentator des Blatts, "war das etwas schwer zu schlucken."