Bosnien

Deutsche als Sklavin gehalten

Bosnische Polizei befreit eine 19-Jährige aus der jahrelangen Gefangenschaft in ihrer Stieffamilie

- Die etwas verwackelte Aufnahme einer rothaarigen jungen Frau mit aufgequollenen Wangen erschüttert die Welt. "Karla" oder "Bedina" wurde die Deutsche von ihren Stiefeltern im Dorf Gojcin im Nordosten Bosniens bei Tuzla genannt. Acht Jahre lang soll die mittlerweile 19-Jährige laut Berichten von Nachbarn versklavt und schwer misshandelt worden sein. Von einem der "schlimmsten Verbrechen der bosnischen Geschichte", berichtete die Zeitung "Dnevni Avaz" in Sarajevo. Die Zeitung "Oslobodenje" fühlte sich gar an den "grauenhaftesten Horrorfilm" erinnert.

Doch ob Karla tatsächlich Opfer eines Monsterverbrechens wurde oder die Familie Opfer von gezieltem Rufmord durch die Nachbarn, müssen erst die Ermittlungen der Justiz erweisen: Die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit erweisen sich auf dem Balkan oft als fließend.

Aufgrund des wiederholten Hinweises eines Nachbarn hatte die Polizei das Mädchen Mitte Mai in einem Wald im Nordosten des Landes aufgegriffen. Ihre Stiefeltern hätten das ihnen von der Mutter Christiane S. anvertraute Mädchen "wie eine Sklavin" gehalten, es zu schwerer körperlicher Arbeit gezwungen und es körperlich misshandelt. "Sie durfte nicht im Haus schlafen, sondern nur draußen im Stall mit den Schweinen und Hunden", berichtete der Nachbar Sead Makalic nun den heimischen Medien. Er war schon vor Jahren zur Polizei gegangen, aber als die Beamten damals in das Dorf kamen, konnten sie das Mädchen nicht finden. Doch dann gelang es Makalic, mit seinem Handy ein Foto von dem Mädchen zu machen, und er ging erneut zur Polizei. Am 17. Mai wurde Bettina gefunden.

Ein weiterer Nachbar berichtete, dass die Eheleute das Mädchen wie einen Esel vor einen Wagen gespannt und lachend mit "Hüa"-Rufen angetrieben hätten. Sie habe weder Kontakt mit anderen Menschen haben dürfen, noch sei sie zur Schule gegangen. Makalic und andere Nachbarn glauben, dass Bettina auch sexuell missbraucht wurde. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft konnte dieser Vorwurf bei einer ärztlichen Untersuchung jedoch nicht erhärtet werden. Es sei aber sicher, dass sie körperlich misshandelt wurde. Sie sei auf 40 Kilo abgemagert und weise zahlreiche Verletzungen am ganzen Körper auf. Karla sei verwirrt und ängstlich gewesen und habe Narben und Blutergüsse an Armen, Beinen und am Kopf gehabt.

Scheinehe in Deutschland

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde Bettina, die nur Deutsch spricht, an einen sicheren Ort in Bosnien gebracht und wird dort ärztlich behandelt. "Es geht ihr schon viel besser", sagt Staatsanwaltssprecher Admir Arnautovic. Die mutmaßlichen Peiniger des Mädchens, die Eheleute Milenko (52) und Slavojka M. (45), die am Ende eines abgelegenen Feldwegs am Dorfrand wohnten, sitzen wegen des Verdachts der "unmenschlichen Behandlung" einer Schutzbefohlenen in Untersuchungshaft. Interpol und die deutsche Justiz sind in die Ermittlungen eingeschaltet.

"Das ist alles eine Lüge", sagt dagegen die Mutter des Mädchens, die Deutsche Christine S., die ihre Tochter Bettina vor acht Jahren selbst zu ihren mutmaßlichen Peinigern gebracht hatte und nun im Haus der Familie in dem Dorf Karavlasi im Nordosten des Balkanlandes sitzt. Die Mutter, die verdächtigt wird, von dem Martyrium ihrer Tochter gewusst zu haben, hockt in dem einfachen Haus aus unverputzten roten Backsteinen auf einem Bett und hält einen Teddybär auf dem Schoß. "Ich hoffe, dass sie sie uns zurückbringen werden", sagt die etwa 50 Jahre alte Frau.

Nach Angaben der Familie ist Christine S. mit dem mutmaßlichen Peiniger ihrer Tochter, der aus einer bosnischen Roma-Familie stammt, verheiratet. Milenko M. und seine bosnische Frau Slavojka waren demnach in den 1990er-Jahren während des Bosnienkriegs nach Deutschland geflohen und von Christine S. "in einem kleinen Ort zwischen Berlin und Hannover" aufgenommen worden. Von dieser Scheinehe habe sich Milenko eine Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland erhofft.

Christine S., die in Deutschland und Bosnien wohnt, sagt, die Geschichten der Nachbarn seien allesamt "erfunden". "Wir haben hier alle sehr gut gelebt", versichert sie unter Tränen. Auch der Bruder des mutmaßlichen Peinigers nimmt seine Verwandten gegen sämtliche Vorwürfe in Schutz. Der 48-jährige Miko M., der in Österreich lebt, wirft den Nachbarn ein "Komplott" gegen die Familie vor. Diese wollten die Roma-Familien aus der Gegend vertreiben. Der "Plan ist, uns von hier zu vertreiben und uns unser Land wegzunehmen", sagt Miko M. Er räumt allerdings ein, dass Bettina in Bosnien nie gemeldet wurde und nicht zur Schule ging, angeblich, "weil sie geistig behindert ist".

Das Mädchen, deren Spitzname "Bedina" laut bosnischen Medien auf das deutsche Wort "Bedienung" zurückgehen soll, sei keineswegs versklavt gewesen, sondern habe eben arbeiten müssen wie alle anderen Angehörigen der Familie, so eine Tante. Gelegentliche Schläge habe sie nur erhalten, um sie "vom Ausgehen mit Muslimen abzuhalten".

Den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen haben die Ermittler genauso zu klären wie die Frage, ob die abgemagert aufgefundene Karla von ihrer Familie tatsächlich in einem nahen Wald vor der Polizei versteckt wurde oder ob sie dorthin nach einem Familienzwist ausgebüxt war. Auch zum Schutz der Privatsphäre des Mädchens habe die Staatsanwaltschaft den Fall zunächst wohlweislich nicht an die Öffentlichkeit gebracht, so deren Sprecher in Tuzla. Zur verspäteten Auskunftsfreude sah sich Bosniens Justiz erst durch die Berichte der heimischen Presse am Wochenende genötigt.