Buddhismus

Die Kung-Fu-Nonnen von Kathmandu

Wie die Kampfkunst zur Emanzipation der Frauen im Himalaja beiträgt

- Es ist ein heißer, wolkenloser Morgen in den Bergen um Kathmandu. Im Kloster Amitabha Drukpa stellen sich Dutzende Nonnen in Reihen um einen goldenen, buddhistischen Schrein. Gleichzeitig schlagen sie ihre geballte Faust in die andere Hand, atmen tief ein und verharren bewegungslos in der Hitze. Die Schwestern üben sich in den strengen Riten des Shaolin Kung-Fu. Von der traditionellen Kampfkunst aus einem buddhistischen Tempel in China erhoffen sie sich Selbstkontrolle, Konzentration und nicht zuletzt mehr Selbstvertrauen.

Die Schwestern im Alter zwischen neun und 52 Jahren kommen aus Nepal, Indien, Tibet und Bhutan, um die historische Kampfkunst zu lernen. Jeden Tag absolvieren sie in ihren kastanienbraunen Gewändern ein 90-minütiges Training mit Hieben, Faustschlägen, Schreien und blitzschnellen Tritten. "Hauptsächlich praktiziere ich Kung-Fu für meine Fitness und Gesundheit, aber es hilft auch bei der Meditation und Selbstverteidigung", sagt die 14-jährige Jigme Wangchuk Lhamo, die vor vier Jahren aus Bhutan in das Nonnenkloster geschickt wurde.

Im Himalaja gelten buddhistische Nonnen weniger als Mönche: Frauen werden von anspruchsvollen Aufgaben ferngehalten, stattdessen kümmern sie sich um Arbeiten wie Kochen und Putzen. Doch der 800-jährige Drukpa-Orden (Drachen-Orden) bricht mit den Traditionen, er will den Frauen mehr Selbstbewusstsein und Macht geben. Er weist Nonnen in die Gebetsführung ein, vermittelt ihnen Grundkenntnisse in Betriebswirtschaft und wie man ein Gästehaus oder Café in der Abtei leitet. Zudem erhalten sie Fahrunterricht.

Kung-Fu wurde erst vor vier Jahren eingeführt. Der spirituelle Führer, der zwölfte Gyalwang Drukpa, brachte die Idee aus Vietnam mit. Dort hatte er gesehen, wie Nonnen Kampftraining nach dem Vorbild der Vietcong-Kämpfer erhielten. Also brachte er vier Vietnamesinnen nach Nepal, um die Nonnen in der Kampfkunst zu unterrichten. In einem Blogbeitrag schreibt er: "Für unsere Nonnen sind diese Reformen völlig ungewohnt. Sie sind schüchtern, es fehlt ihnen an Selbstvertrauen. Mein Weg zur Förderung der Gleichberechtigung ermutigt mich, härter zu arbeiten und länger zu leben."

Die 18-jährige Jigme Konchok Lhamo stammt aus Indien. Sie glaubt, dass ihre Mitschwestern dank Kung-Fu schnell an Selbstbewusstsein gewannen. Auch das Machtverhältnis zwischen Männern und Frauen im Buddhismus beginne sich zu verändern. "Unser heiliger Führer will, dass Nonnen und Mönche die gleichen Rechte haben", sagt sie. "Deshalb dürfen wir alles tun, nicht nur Kung-Fu. Wir haben auch die Chance, Dinge wie Tennis und Skating zu lernen. Und Englisch, Tibetisch und Musikinstrumente."

Seit Einführung des Kung-Fu-Unterrichts erfreut sich das Kloster wachsender Beliebtheit. Inzwischen üben sich dort rund 300 Buddhistinnen im Kampfsport. Ihre Techniken führten sie bereits Tausenden Pilgern in Nepal vor sowie auf Tourneen in Indien und Großbritannien.