Exhumierung

Fast wie bei Dan Brown

| Lesedauer: 3 Minuten
Paul Badde

Bei einer Vermisstensuche wurde in Rom das Grab eines Mafioso geöffnet

- Ein spektakulärer frischer Mord könnte kaum mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen als die Öffnung des Grabs von Enrico De Pedis am Montagvormittag in einer Nebenkammer der Krypta der Kirche Sant'Apollinare in der Nähe der Piazza Navona. Denn De Pedis (36) war kein Bischof oder gar ein Heiliger, sondern ein Gangster, der in dem geweihten Boden einer alten Kirche seine letzte Ruhe nach einem höchst unruhigen Leben fand.

Heute wissen wir, es war seine Mutter, die damals den Pfarrer von Sant'Apollinare bekniet hatte, ihren Sohn vom Verano-Friedhof im Osten Roms hierher umbetten zu lassen. Ihr Enrico war der Boss der vor 40 Jahren weit über Rom hinaus berüchtigten Magliana-Bande, und er ließ am 2. Februar 1990 im Feuerhagel sein Leben, nachdem er die Stadt lange mit Mord, Raub und Entführungen terrorisiert hatte.

Dass nun sein Grab mit einer ausdrücklichen Sondergenehmigung des Vatikans geöffnet wurde, hat mit dem Verdacht zu tun, dass sich in seinem Sarg neben dem legendären Capo auch noch die Gebeine Emanuela Orlandis befinden sollten, der Tochter eines Vatikan-Angestellten, die am 22. Juni 1983 mit 15 Jahren auf mysteriöse Weise auf Nimmerwiedersehen verschwunden war. Die frühere Lebensgefährtin De Pedis' soll schon vor Jahren ausgesagt haben, ihr Verlobter habe das Mädchen entführt. Ein anonymer Anrufer hatte 2005 in einer TV-Sendung gesagt, die Lösung des Rätsels liege mit ihm in seiner Gruft begraben. Danach hatte die Staatsanwaltschaft die Exhumierung des Gangsters angeordnet.

Keinen Nachbarn konnte deshalb das Aufgebot von Reportern und Kameraleuten erstaunen, die sich am Montag früh vor einem Seitenportal der Kirche versammelten. Dass der Gebäudekomplex auch die Santa-Croce-Universität des Opus Dei beherbergt, hatte dem Fall für viele Dan-Brown-geschulte Kollegen natürlich einen ganz eigenen Nimbus gegeben. Im Innenhof wartete der Lieferwagen eines Bestattungsinstituts, bis gut drei Stunden später ein längeres "Gepäckstück" unter einer grauen Plane hineingeschoben wurde und der Fahrer den Rückwärtsgang einlegte, um den Lieferwagen aus dem Innenhof heraus in das Blitzlichtgewitter des sonnigen Frühlingstags zu bugsieren. Bis dahin hatte das Gerücht die Runde gemacht, dass der Sarg nicht geöffnet werden könne, weil in dem Marmorsarkophag erst noch ein dreischaliger Holzsarg geborgen werden müsse, mit drei verschiedenen Deckeln, quasi als italienische Matroschka-Variante, die immer noch ein Geheimnis mehr berge.

Die Wirklichkeit war am Schluss dann banaler: Enrico "Renatino" De Pedis war allein begraben worden, in einem dunkelblauen Anzug mit schwarzer Krawatte und Maßschuhen. Sein Körper war so gut erhalten, dass die Kripo von einer Hand sogar noch einmal problemlos Fingerabdrücke abnehmen konnte, die rasch ergaben, dass es sich bei dem Mann zweifelsfrei um Enrico De Pedis handelte. Seine letzte Ruhe soll er nach diesem Intermezzo nun wieder auf dem Verano-Friedhof oder auf dem Friedhof Prima Porta in der Nähe des Magliana-Viertels finden.