Prominente

"Ich bin noch immer ein Landei"

Beim Eurovision Song Contest startet Roman Lob für Deutschland. Der 21-Jährige muss sich an das Showgeschäft erst noch gewöhnen

- Musik ist Kopfsache. Deshalb kommt es auch auf die richtige Kopfbedeckung an. Roman Lob steht vor dem Mikrofon, neben ihm sitzt Gitarrist Carsten. Sie wollen "Standing Still" spielen, das Lied für den Eurovision Song Contest (ESC) in Baku. Die Hörer von Radio Bremen werden irgendwann mithören. Roman Lob trägt Mütze, man darf ihn einen Mützenfreund nennen, wobei Wollmützen und Kappen streng unterschiedlich zu behandeln sind, aber dazu später. Jedenfalls greift Lob jetzt nach oben, befühlt die beigefarbene Mütze, rückt sie zurecht. Nach links, wieder nach rechts. Nach vorn. Ohne den korrekten Mützensitz keine Stimmung, kein Gefühl, kein guter Gesang. Dann singt er sich die Seele aus dem schmalen Leib, gut macht er das. Eindrücklicher als zunächst gedacht.

Roman Lob (21) ist auf Tour. Im Februar gewann er die Castingshow "Unser Star für Baku", es war kein Hit. Lob singt und ringt um Bekanntheit, tritt nun seit Wochen bei Radiosendern und im Fernsehen auf. An diesem Tag sind es acht Interviews mit erklärten Gute-Laune-Menschen. Seine häufigsten Wörter sind "echt", "cool", "super", "Hammer". Nur ein kleines bisschen ist im Tonfall das Rheinisch-Pfälzische seiner Herkunft zu hören, er sagt "schebbich" statt "schäbig". Lob plaudert kontrolliert, doch ehrlich. Er erzählt knapp und kein bisschen genervt. "Ich sage es aus meinem Herzen", erklärt Lob dem Moderator. Der nickt und sagt "super". Dann wird wieder unplugged gespielt, die Musik verwandelt den jungen Mann in einen richtigen Sänger. Einer, der keine Worte braucht.

Nicht leicht, immer die Fassung zu wahren. Ein ESC-Experten-Duo von Radio Bremen will wissen, ob er, Lob, auf der Toilette seine Notdurft unbetrachtet wegspült oder ihr hinterherschaut. Lob steht kurz Entsetzen im Gesicht. Der Moderator gibt seine eigenen Gewohnheiten in der Frage zum Besten. Wer denn so etwas frage, ruft der Sänger später im Abmischraum, als wolle er sagen: Gibt's doch gar nicht. Will man ja auch kaum glauben.

Heimat ist ihm wichtig

"Ich bin noch immer das Landei, der Junge vom Dorf", verspricht Lob. Glaubhaft auch das. Er nennt die Autobahnausfahrt, um die Lage seines Dorfs Neustadt (Wied) zu beschreiben. Wer so redet, weiß: Es gibt sonst nicht viel. Dennoch fiele ihm der Abschied sehr schwer, sagt er. Heimat ist wichtig. Lob hat Industriemechaniker-Instandhaltung gelernt, er mag das Handwerkliche. An einem Lied könne er feilen wie an einem Maschinenteil. Auf beides könne er stolz sein, sagt er.

Mittags stehen wir bei "Hallo Pizza" und ordern Essen, Lob genügt eine einfache Pizza Margarita, am Nachmittag in Hamburg wird es noch Fischbrötchen geben. Der Laden ist leer, der Verkäufer schaut unbewegt dem Sänger mit der Mütze ins Gesicht. Kurz darauf läuft aus den Lautsprechern "Standing Still". Und Lob singt mit, er lässt sich für ein paar Augenblicke ins Lied fallen, geht in seiner Rolle auf. Dann steigt er wieder aus, lässt die Musik laufen, sein Körper strafft sich. Er könne das auch hören wie ein normales Lied, sagt er. Relaxt bleiben heißt die Devise. Das rät ihm auch seine Vorgängerin Lena Meyer-Landrut. "Vor so viel Publikum tritt man normalerweise nur einmal im Leben auf, und die Minuten sind so schnell vorbei", sagte die 21-Jährige, die 2010 gewonnen hatte, der "TV Spielfilm".

Beim Privatradio geht es enger zu als beim öffentlich-rechtlichen Sender. Lob spricht über den ESC, davon, unter die ersten zehn kommen zu wollen. Er singt auch. Ein weiterer Gute-Laune-Mann nötigt ihn, in die Kamera zu sagen, dass er, Lob, in Bremen stets Center-TV schaue. Ich bin zum ersten Mal in Bremen, sagt Lob. Egal, bitte schön. Zuschauer von Center-TV erfahren demnächst, dass Roman Lob in Bremen nur diesen Sender einschaltet. Ob er seine Lieder auch mitsinge, wenn sie im Radio laufen, will eine Reporterin wissen. Och nö, sagt Lob, eigentlich nicht. Aber heute Morgen sei er in einen Kiosk gegangen, prompt habe er dort "Standing Still" gehört. Nicht alles wird also im Radio preisgegeben.

1998 war Lobs erstes ESC-Jahr, der Junge war acht. Guildo Horn sang vom Liebhaben und turnte wie wahnsinnig über die Bühne. Im gleichen Jahr überredete Großvater Lob den Enkel, es mit dem Klavier zu versuchen. Roman bekam Unterricht, wechselte später zu Schlagzeug und Gitarre, entdeckte in der Realschule sein Talent für Gesang, gründete Bands. 2007 war der damals 16-Jährige bei "Deutschland sucht den Superstar" dabei, musste aufgeben wegen einer Kehlkopfentzündung. Er sei zu jung gewesen damals, sagt er heute. Und schließlich habe ihn das dazu gebracht, es bei "Unser Star für Baku" erneut zu probieren.

Für seinen eigenen Auftritt hat er sich Gelassenheit verordnet. Die Frage Mütze oder Kappe in Baku ist noch offen. Er besitzt einen "Cap-Carrier", eine Art Hutschachtel für das gute Dutzend Basecaps, damit sie bloß nicht verbiegen. Die Wollmützen dagegen dürfen bequem in den Koffer gestopft werden. Später geht es im Kleinbus nach Hamburg. Ein Lied wird geprobt, "After Tonight" soll am Abend im NDR gespielt werden. Lob rückt die Mütze zurecht, leise singt er sich in den Song hinein, er kitzelt den Soul aus der Kehle, schaut zum Gitarristen hinüber. Der grinst. Lob lacht. Stockt. Singt weiter. Nach ein paar Sekunden prusten sie los. Das Lied löst sich im Lachen auf. Gute Musik entstehe aus guter Laune, sagt Lob.