Fernsehen

In der Höhle des Bohlen

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Antje Hildebrandt

"DSDS Kids" setzt auf Harmonie statt Krawall. Der "Pop-Titan" fremdelt

- Es war ein Moment, wie man ihn im Fernsehen noch nicht erlebt hat. Dieter Bohlen sank auf die Knie. Als sich der "Pop-Titan" noch "Pop-Titan" nennen durfte, hätte es dafür nur eine mögliche Erklärung gegeben: Hexenschuss. Doch der Boom der Castingshows ist vorbei. Ob Super-Kanzler oder Super-Hunde, Super-Köche oder super-resistente Talent-Allergiker, sie alle hat das Fernsehen schon als Schwenkfutter an der Unterhaltungsfront verheizt. Und als hätte es noch eines Beweises dafür bedurft, dass sich das Format endgültig abgenutzt hat, rekrutierte RTL jetzt auch noch Kinder, pardon, Kids.

Am Samstag startete die erste von drei Folgen "DSDS Kids" - mit mäßigem Zuschauerinteresse. 3,62 Millionen Menschen sahen zu. Zum Vergleich: Den Auftakt der vergangenen "DSDS"-Staffel verfolgten 6,17 Millionen Zuschauer. Die ersten zehn Kandidaten, die RTL unter 38.000 Bewerbern bis vierzehn Jahren gecastet haben will, rüttelten an der Pforte der neuen Talentschuppen-Attrappe. Und der jüngsten Teilnehmerin gelang etwas, was noch niemand vor ihr geschafft hatte: Alysha, acht Jahre alt, zwang Dieter Bohlen auf die Knie. "Waaahnsinn!", entfuhr es dem Mann aus Tötensen, als sie Keshas "TicToc" "performt" hatte, wie es im Casting-Sprech heißt, live und in Farbe. "Könnt ihr mir die einpacken, so als Geschenk?" Messerscharfe Spitzen gegen minderjährige Kandidaten verbieten sich von alleine, wenn sich Jungs wie Julius (13) mit ihrer Gitarre zum ersten Mal aus dem Übungskeller auf die Bühne trauen oder ein neunjähriger Wonneproppen namens Skyla entwaffnend ehrlich verkündet: "Ich denke, ich bin eine Rampensau." Hier regierte der Spaß an der Performance, nicht die Schadenfreude über schiefe Töne oder andere Warnsignale, die darauf schließen lassen, dass die Kluft zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung größer sein könnte, als die Polizei erlaubt. Mit "DSDS Kids" hat RTL die Grenze noch weiter verschoben: Hier wird jeder Kandidat abgeknutscht, egal, wie oft er den Ton getroffen hat. Man konnte den beiden Müttern in der Jury, Michelle Hunziker und Dana Schweiger, dabei zusehen, wie ihnen das Herz aufging, als Besnik Adeles Ballade "Someone Like You" sang. Zwischen den beiden Super-Mamas wirkte Bohlen noch hölzerner als sonst. Den "Pop-Titan" auf Kinder loszulassen, das ist, als würde man der Bundeskanzlerin ein Akkordeon umhängen und sie zum Erste-Hilfe-Einsatz beim Fest der Volksmusik abkommandieren. Nur einmal machte Bohlen Anstalten, sich aus dem Korsett seiner neuen Rolle zu befreien. Da wies er ein zwölfjähriges Mädchen namens Gala höflich, aber bestimmt darauf hin, dass es sich bei ihrer Adele-Ballade ein bisschen "verdudelt" habe. Und die Kinder, pardon Kids?

Die versöhnten den Zuschauer am Ende mit einer Show, die unerträglich langweilig war, weil sie alle Regeln der Castingshow konterkarierte. Keines der Kinder erweckte den Eindruck, als hätten die Eltern es unter hervorgehaltener Pistole zwingen müssen, sich für Super-Dieter zum Affen zu machen.