Verfahrensfehler

Winnenden kommt nicht zur Ruhe

Bundesgerichtshof hebt Urteil gegen den Vater des Amokläufers auf

- Für viele Angehörige der Opfer des Amoklaufs von Winnenden bedeutete das Urteil gegen den Vater des Todesschützen ein wenig Gerechtigkeit. Jetzt muss der Prozess gegen Jörg K. mehr als drei Jahre nach der Bluttat seines Sohnes neu aufgerollt werden. Wegen eines Verfahrensfehlers hob der Bundesgerichtshof (BGH) das Urteil auf. Die Verteidigung habe keine Gelegenheit gehabt, eine Familientherapeutin als wichtige Zeugin zu befragen, heißt es in dem Beschluss vom 22. März. Der BGH verwies das Verfahren an das Landgericht Stuttgart zurück.

Das Gericht hatte den Vater des Amokläufers Tim K. im Februar vergangenen Jahres unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in 15 Fällen zu einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung verurteilt. Der Sportschütze habe die Waffe und große Mengen an Munition herumliegen lassen, obwohl er um die psychischen Probleme seines Sohnes wusste. Tim K. hatte am 11. März 2009 in seiner früheren Realschule in Winnenden (Baden-Württemberg) und auf der Flucht 15 Menschen und sich selbst erschossen. Die Tatwaffe hatte sein Vater zuvor unverschlossen im Schlafzimmer aufbewahrt.

In der Stuttgarter Gerichtsverhandlung hatten die Richter, die Staatsanwaltschaft und Nebenklägervertreter unter anderem eine Therapeutin befragt, die die Familie des Amokläufers am Tattag betreut hatte und ihr auch später noch beistand. Sie hatte sich bei ihrer Aussage in Widersprüche verwickelt und sich dann auf ihr Aussageverweigerungsrecht berufen.

Hubert Gorka, einer der beiden Anwälte des Vaters von Tim K., zeigte sich zufrieden mit der BGH-Entscheidung. "Für uns heißt das: neues Spiel, neues Glück", sagte er. Man habe einer "maßgeblichen Zeugin keine einzige Frage stellen können", bekräftigte er. Außerdem habe der BGH zu Recht kritisiert, dass der Abschlussbericht einer psychiatrischen Klinik zum Zustand von Tim K. nicht habe verwertet werden dürfen.

Darin stehe, dass eine Gefährdung anderer durch Tim K. ausgeschlossen wurde. "Wenn drei Spezialisten diese schreckliche Tat nicht vorhersehen konnten - dann kann es der Vater doch erst recht nicht", sagte Gorka. Wesentliche Punkte, die den Vater hätten entlasten können, seien vom Gericht seinerzeit ausgeblendet worden.

Jens Rabe, Anwalt einiger Nebenkläger, reagierte auf den BGH-Beschluss mit Unmut: "Das ist sehr ärgerlich und für die Angehörigen sehr belastend." Auch Roman Grafe vom Aktionsbündnis "Keine Mordwaffen als Sportwaffen" äußerte sich entsetzt: "Wenn Herr K. nur ein bisschen Mitgefühl hat, zieht er die Revision zurück." K. müsse außerdem klar sein, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit noch einmal verurteilt werde. Opferanwalt Rabe ging ebenfalls davon aus, dass das Gericht den Mann auch bei dem neu aufgerollten Prozess wegen 15-facher fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung in 14 Fällen verurteilen müsste. Der heute 53-jährige Vater hatte das Urteil gegen ihn als "nicht fair" bezeichnet. Der Prozess gegen Jörg K. war das erste in Deutschland gewesen, bei dem ein Unbeteiligter nach einem Amoklauf vor Gericht stand und verurteilt wurde.

Der BGH äußerte sich nicht und verwies auf Zustellungsfristen, die vor einer Stellungnahme eingehalten werden müssten. Die Stadt Winnenden bekräftigte unterdessen ihre Schadensersatzforderungen in Höhe von 14 Millionen Euro, die sie an die Eltern des Amokläufers stellt.