Kriminalität

Die McCanns hoffen wieder

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Tina Kaiser

Scotland Yard geht neuen Beweisen im Fall der entführten Maddie nach. Ein Phantombild soll bei der Fahndung helfen

- Es ist der schlimmste Albtraum, der Eltern widerfahren kann. Am 3. Mai 2007 geht das britische Ärzteehepaar Kate and Gerry McCann im portugiesischen Ferienort Praia da Luz mit Freunden zum Abendessen. Ihre drei schlafenden Kinder lassen sie in ihrem Apartment allein zurück. Um 21 Uhr sieht Kate McCann nach den friedlich schlafenden Kindern. Eine Stunde später will Ehemann Gerry McCann erneut nach den Kindern schauen. Mit Grauen stellt er fest: Die dreijährige Madeleine ist plötzlich verschwunden.

Fast fünf Jahre nach dem schrecklichen Verbrechen gibt es neue Hoffnung für die McCanns. Die Eltern hatten die Suche nach ihrer Tochter nie aufgegeben. Nun hält es auch die britische Polizei für möglich, dass Maddie noch leben könnte. Am gestrigen Mittwoch sagte Scotland Yard auf einer Pressekonferenz, es gäbe "195 neue Ermittlungsmöglichkeiten", die zu Maddie führen könnten. Darunter seien sowohl alte Spuren als auch neue Beweise.

Aufforderung an Portugal

"Wir glauben, es könnte durchaus möglich sein, dass sie noch lebt", sagte Chefinspektor Andy Redwood. Er blieb in seiner Formulierung bewusst vorsichtig. Einen Tod des Mädchens könne die Polizei ebenfalls nicht ausschließen. Die neue Beweislage reiche jedoch, um realistische Hoffnungen auf ein Überleben des entführten Mädchens zu haben. Redwood forderte daher die portugiesischen Behörden auf, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Diese hätten weiterhin "den Vorrang bei der Untersuchung". Scotland Yard werde die portugiesischen Kollegen mit den neuen Beweisen unterstützen. "Wir wollen, dass der Fall wieder geöffnet wird", sagte Redwood. "Die Entscheidung liegt bei Portugal." Man hoffe, dass das britische Außenministerium helfen werde. Die portugiesische Polizei wollte sich zunächst nicht äußern.

Um die Suche zu vereinfachen, fertigte die Londoner Polizei ein neues Phantombild an. Das Foto zeigt, wie Maddie heute im Alter von knapp neun Jahren aussehen könnte. Scotland Yard rief die Öffentlichkeit außerdem erneut zur Mithilfe auf. Jeder Hinweis über Maddies Verbleib könne helfen. Es sollten sich auch Urlauber melden, die im Mai 2007 in Praia da Luz waren und bisher noch nicht ausgesagt hatten. Die Untersuchungen waren im Mai 2011 am vierten Jahrestag der Entführung von der britischen Polizei wieder aufgenommen worden. Zuvor hatten Maddies Eltern Premierminister David Cameron in einem Brief um Hilfe angefleht. Cameron ordnete daraufhin eine Neuauflage der Ermittlungen an. Die 37-köpfige Sonderkommission "Operation Grange" überprüfe insgesamt 40.000 Informationen auf 100.000 Seiten, sagte Redwood.

Die Indizien wurden in den vergangenen Jahren von der britischen und der portugiesischen Polizei sowie Privatdetektiven zusammengetragen. Es sei das erste Mal, dass all diese Beweise systematisch von einer Stelle analysiert würden.

Polizei spricht Eltern frei

Insgesamt sieben Mal sei sein Team zu weiteren Ermittlungen nach Portugal gefahren. Dabei sei unter anderem auch die damalige Ferienwohnung der McCanns erneut untersucht worden. Die Scotland-Yard-Ermittler hätte in den vergangenen Monaten eine "forensische Analyse des Ablaufs der Ereignisse" erstellt und dabei auch neue Indizien gefunden. Worum es sich bei diesen neuen Beweisen handelt, wollte Redwood nicht erklären. Mit Sicherheit könnte er jedoch jene Verschwörungstheorien ausschließen, nach denen die Eltern von Maddie selbst hinter ihrer Entführung stecken. Maddies Verschwinden sei "die kriminelle Tat eines Fremden" gewesen. Der offizielle Freispruch von dem schrecklichen Verdacht wird nur ein kleiner Trost für die Familie McCann sein. Vier Monate nach Maddies Verschwinden hatte die portugiesische Polizei die Eltern des Mordes an ihrem eigenen Kind beschuldigt. In einem Interview mit der "Welt am Sonntag" sagte Gerry McCann in vergangenen Jahr, durch diesen falschen Verdacht sei wertvolle Zeit verschwendet worden: "Die Medien berichteten Lügen und Halbwahrheiten, alles geriet völlig außer Kontrolle. Und bei alldem suchte niemand mehr nach Madeleine."

2008 nahm die portugiesische Polizei ihre Anschuldigungen zwar zurück, stellte gleichzeitig jedoch die Ermittlungen in dem Fall ein. Für ein Verbrechen gebe es keine Beweise, hieß es damals.

Seitdem versuchten die Eltern auf eigene Faust, die Suche nach ihrer Tochter weiter voranzutreiben. In einem 2011 erschienenen Buch schildern die McCanns, wie viele fundamentale Fehler bei den Ermittlungen von der portugiesischen Polizei gemacht wurden. So begann die Suchaktion der Polizei erst Stunden nach der möglichen Entführung. Es gab zwei Zeugen, die unabhängig voneinander einen Mann mit einem schlafenden Kind beobachtet hatten. Trotzdem wurde kein Phantombild von dem Mann veröffentlicht. Von der Scotland-Yard-Untersuchung erhoffen sich die Eheleute McCann, dass dieser Mann endlich gefunden wird. "Ich bin überzeugt, dass das Madeleines Entführer war", sagte Kate McCann im vergangenen Jahr gegenüber der "Welt am Sonntag".

Am Mittwoch nahm das Ehepaar aber nicht an der Pressekonferenz von Scotland Yard teil. Ein Sprecher der Familie sagte jedoch, Kate McCann sei sehr zufrieden mit dem neuen Suchbild ihrer Tochter.