Anders Breivik

Die Heuchelei des Massenmörders

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Vor Gericht äußert Anders Breivik erstmals Bedauern - allerdings nicht mit den jugendlichen Opfern auf Utøya. Sie seien "politische Aktivisten"

- Mit einer Entschuldigung bei einigen seiner Opfer hat der geständige norwegische Attentäter Anders Behring Breivik vor Gericht erstmals Bedauern ausgedrückt. Einige wenige der Verletzten oder Toten im Osloer Regierungsviertel hätten keine Verbindung zur Politik und den Ministerien gehabt. Diese Personen seien nicht sein eigentliches Ziel gewesen, sagte Breivik gestern in Oslo. "An alle diese möchte ich eine große Entschuldigung richten." Die Frage, ob er Ähnliches auch den Hinterbliebenen der Jugendlichen von Utøya sagen wolle, verneinte Breivik.

Die Entschuldigung komme überraschend, sei aber nicht sehr glaubhaft, äußerten Angehörige von Breiviks Opfern im Gericht. Er glaube nicht, dass der Massenmörder hinter seinen Worten stehe, sagte Jon Hestnes von der Opferhilfe dem Fernsehsender NRK. "Das hilft niemandem. Da war nichts in seiner Körpersprache, das zeigt, dass er es ernst meint."

Breivik sieht sich als Komplott-Opfer

Die jugendlichen Opfer seines Massakers auf der Ferieninsel Utøya seien alles andere als unschuldig, sondern politische Aktivisten, hatteBreivik zuvor bereits gesagt. "Es ist grausam, dass man zu solchen barbarischen Taten gezwungen wird. Aber es war notwendig", sagte er. Die Morde auf Utøya rechtfertigte der 33-Jährige damit, dass das Feriencamp der sozialdemokratischen Jugend ein "Indoktrinierungslager" gewesen sei. Vor Gericht soll nun geklärt werden, ob Breivik zurechnungsfähig ist.

Der Massenmörder sieht sich selbst als Opfer eines rassistischen Komplotts. Die Fragen um seinen Geisteszustand dienten dazu, seine extreme antimuslimische Ideologie zu diskreditieren, sagte er gestern. Wäre er ein "bärtiger Dschihadist", hätte niemand eine psychiatrische Untersuchung gefordert, sagte Breivik. "Da ich aber ein militanter Nationalist bin, bin ich erheblichem Rassismus ausgesetzt. Sie versuchen alles zu delegitimieren, wofür ich stehe", sagte der Attentäter. Er wisse um das Risiko, am Ende in einer psychiatrischen Anstalt zu landen, "und ich werde tun, was ich tun kann, um das zu verhindern".

Breivik hat eine strafrechtliche Schuld für die Anschläge vom 22. Juli mit der Begründung zurückgewiesen, die Opfer hätten ihr Land mit ihrer Zustimmung zur Einwanderung betrogen. Die entscheidende Frage des Prozesses wird es sein herauszufinden, ob Breivik im strafrechtlichen Sinne geisteskrank ist. Zwei Gutachten waren in diesem Punkt zu gegenteiligen Ergebnissen gekommen.

Breivik hatte im vergangenen Sommer 77 Menschen getötet - acht starben nach einer Bombenexplosion im Osloer Regierungsviertel, 69 weitere bei seinem Amoklauf auf Utøya. Er muss sich vor Gericht wegen Terrorismus und vorsätzlichen Mordes verantworten. Der Prozess soll insgesamt zehn Wochen dauern, das Urteil aber erst Mitte Juli gesprochen werden. Der Attentäter berichtete am Montag, er habe einige der Jugendlichen auf Utøya bewusst verschont. Ein Junge habe nicht linksorientiert, sondern konservativ ausgesehen. "Als ich ihn sah, sah ich eigentlich mich selbst", sagte Breivik. Auch einen Zehnjährigen habe er verschont - weil er sich fragte, was ein so kleiner Junge in einem Jugendlager mache. Während seines Massakers auf Utøya seien ihm auch Zweifel gekommen, sagte Breivik. "Viele Menschen in Norwegen hätten es mehr verdient, hingerichtet zu werden, als diese Jugendlichen." Ursprünglich habe er eine Journalistenkonferenz angreifen wollen.

Mit sich selbst hat er Mitleid

Als er auf der Insel ein Handy gefunden habe, habe er angefangen zu zweifeln und die Polizei angerufen, um sich zu stellen. Insgesamt zehnmal habe er angerufen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Breivik rund 40 seiner 69 Opfer getötet. "Ich sagte mir, ich würde weitermachen, wenn die Polizei nicht zurückruft", berichtete er. Während seiner Aussage zeigte Breivik wenig Emotionen, bewies allerdings Selbstmitleid. "Auch ich habe am 22. Juli meine ganze Familie und alle Freunde verloren", sagte der 33-Jährige. "Der einzige Unterschied ist, dass ich das gewählt habe. Ich habe mich geopfert."

Die Staatsanwaltschaft versuchte wie in der ersten Prozesswoche, Breivik bloßzustellen. Wäre er nicht gefasst worden, wäre er eventuell mit einem kleinen Wasserflugzeug aus Norwegen geflohen, berichtete der Attentäter - und gab zu, nie zuvor eine solche Maschine bedient zu haben. Staatsanwalt Svein Holden konfrontierte ihn mit einem Anruf bei einem Autoservice. Da hatte Breivik vor seinen Anschlägen angerufen, weil er den Rückwärtsgang seines Bombenautos nicht fand.

Als Holden eine Passage aus Breiviks rund 1500 Seiten starkem Manifest vorlas, reagierte dieser irritiert. Der Attentäter hatte geschrieben, ein Tempelritter müsse seine Geschlechtsorgane abschneiden oder ein Kind töten, um seine Loyalität zu beweisen. Die Staatsanwaltschaft wolle ihn mit ihren Fragen "ja nur lächerlich machen", kommentierte Breivik. Am Mittwoch soll sich der Attentäter noch einmal zu zwei psychiatrischen Gutachten äußern. Das eine Team bezeichnete Breivik als geistig gesund und zurechnungsfähig, das andere als paranoid-schizophren.

( BM )