Zugunglück

"Das ist ein Albtraum"

Eine Tote bei Zugunglück in Amsterdam - 16 Verletzte in Lebensgefahr

- Die Fahrt dauert 28 Minuten, normalerweise. So lange braucht der Regionalzug "Stoptrein" für die Strecke vom Amsterdamer Hauptbahnhof nach Uitgeest. Sonnabendabend endet die Fahrt nach wenigen Minuten tragisch: die größte Bahnkatastrophe, die die Niederlande seit Jahren erlebt haben.

Gegen 18.30 Uhr stößt der "Stoptrein" unweit des Bahnhofs Amsterdam-Sloterdijk auf einer Brücke über einer Gracht frontal mit einem entgegenkommenden doppelstöckigen Schnellzug zusammen. Der Chef der Bahngesellschaft NS, Bert Meerstadt, wird am Sonntag von einem "Albtraum" sprechen.

Nach offiziellen Angaben wurden durch den Zusammenstoß 117 Menschen verletzt. Viele Passagiere erlitten Knochenbrüche, Quetschungen oder wurden von Glasscherben verletzt. Am Sonntag erlag eine 68-jährige Frau ihren Verletzungen. Der Gesundheitszustand von 13 Menschen sei sehr kritisch, sagte ein Sprecher der Gesellschaft ProRail, die für die Erhaltung des Schienennetzes zuständig ist.

Die Zahl der Verletzten ist offenbar so hoch, weil viele Passagiere standen oder noch auf der Suche nach einem Sitzplatz waren, als das Unglück geschah. Die meisten Verletzten sollen Passagiere des Regionalzugs sein. Die junge Holländerin Yvonne war mit einer Freundin unterwegs. Sie hatte Glück und kam mit dem Schrecken davon. "Es gab einen Knall, dann ging ein großes Zittern durch den Waggon. Dann herrschte absolute Stille."

Die Wucht des Aufpralls war so stark, dass Fahrgäste aus ihren Sitzen gegen Tischchen oder Fensterscheiben geschleudert wurden. Die relativ geräumigen Waggons könnten zur hohen Zahl der Verletzten beigetragen haben, sagte ein Polizeisprecher dem Lokalsender AT5: "Wir gehen davon aus, dass die Leute bei dem Zusammenstoß durch den Zug geschleudert wurden - gegen Wände, Sitze oder andere Menschen." Augenzeugen berichten von Panik in den Zügen.

Schon wenige Minuten nach dem Unglück waren die ersten Helfer am Unfallort, berichteten Fahrgäste. Die Retter mussten die Türen aufhebeln und sich mit Leitern Zugang zu den Fahrgästen verschaffen, wie ein ProRail-Sprecher sagte. Es dauerte mehrere Stunden, bis alle Passagiere die Züge verlassen konnten. Die Verletzten wurden zum Teil auf Tragen mehrere Meter über enge Metalltreppen zu den wartenden Rettungswägen transportiert. Auch ein Kran und ein Rettungshubschrauber wurden zur Bergung eingesetzt.

Wie es zu dem Unglück kam, war am Sonntag noch unklar. Der Fahrer des Schnellzuges Den Helder-Nijmegen befindet sich unter den Schwerverletzten und sei nicht ansprechbar. Daher könne er auch keine Auskunft geben. Der Fahrer des anderen Zuges wurde leicht verletzt. Untersuchungen seien im Gange, hieß es seitens der Behörden und der Bahngesellschaft NS. In Medien wurde spekuliert, dass die Abendsonne möglicherweise einen der Fahrer geblendet hatte. Nach Augenzeugenberichten waren die Züge etwa 50 Kilometer pro Stunde schnell.

Das schlimmste Zugunglück in den Niederlanden ereignete sich am 8. Januar 1962, als zwei Passagierzüge im dichten Nebel in Harmelen aufeinanderprallten. Damals starben 93 Menschen.