Prozess

Während er mordete, lief der iPod

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Per Hinrichs

Attentäter Anders Breivik schildert vor Gericht den grausamen Ablauf des Amoklaufs von Utøya

- "Breivik", sagt Richterin Wenche Arntzen, "beantworte die Frage." Gerade verliert sich der Angeklagte wieder in Veschwörungstheorien über die angebliche Macht der Medien, die "kulturkonservative Meinungen" unterdrücken würden; dabei wollte seine Verteidigerin Vibeke Hein Bæra doch nur wissen, ob er eine empathische Person sei. "Ja", sagt der Attentäter, "das bin ich." Woran merkt man das?, fragt sie weiter. "Ich war auf der Beerdigung der besten Freundin meiner Mutter", antwortet er. Es ist nicht erkennbar, dass er diesen Satz als zynischen Scherz verstanden wissen wollte. Ein Angeklagter darf im Gericht die Unwahrheit sagen. Er muss sich nicht belasten, er kann soviel Unsinn reden, wie er will, auch wenn es um die so wichtige Frage geht, ob er in der Lage ist, Mitgefühl zu empfinden.

Breiviks Antworten ergeben kaum einen Sinn. Er kann unmöglich glauben, dass der Besuch einer Beerdigung angesichts seiner Taten ein Zeichen von intakter Empathie sein könnte. Aber er bezeichnet sich tatsächlich als "mitfühlender, sich um andere Menschen sorgender Typ", der kaum eigene Schwächen bei sich oder seiner Psyche sieht.

Breivik sieht sich als Wohltäter

Der Massenmörder verwahrt sich dagegen, ein Narzisst genannt zu werden, denn der würde nie Opfer bringen. Breivik dagegen fühle "große Liebe für sein Land und sein Volk", größer als die Liebe zu sich selbst. Nach der Logik hätte er also 77 Menschen aus reiner Liebe getötet. Der Attentäter sieht sich als Wohltäter.

Kann es an diesem fünften Prozesstag noch verrückter oder schlimmer werden? Breivik selbst warnt nach der Mittagspause am Donnerstag jedenfalls vor möglicherweise belastenden Aussagen. "Wollen Sie das wirklich hören?", fragt er ausgerechnet die Staatsanwältin Inga Bejer Engh, die sich als knallharte Verhör-Expertin bereits einen Namen gemacht hat. "Ich will alles", sagt sie nur. Und da grinst er nur.

So fahren alle mit ihm im Saal erneut nach Utøya, nehmen die Fähre "Thorbjørn" und erfahren, wie er an Bord mit Monica, der "Mutter von Utøya", ein Schwätzchen hält und vom "Chaos in Oslo" berichtet. Wenige Minuten später schießt er ihr zweimal in den Hinterkopf.

So oft war von den Morden auf der Insel der norwegischen Jusos schon die Rede, so oft vom Leid der Opfer und Hinterbliebenen. Fast ist es so, als müssten die unbeschreiblichen Grausamkeiten wieder und wieder erzählt werden, eine reinigende Prozedur, ein Ritual: als ob die Dämonen dadurch vertrieben werden könnten.

Die Anwältin der Hinterbliebenen fragt lieber noch mal nach: "Weißt Du, dass in ganz Norwegen etwa 1000 Hinterbliebene in 17 Sälen Deine Aussage hören?

"Ja. Was ich getan habe, war grausam."

"Kannst Du darüber reflektieren?"

"Ich würde zusammenbrechen, wenn ich meinen Schutzpanzer fallen lassen würde." Um ihn selbst sei es damals nicht gegangen und würde es heute nicht gehen, sagt Breivik. "Ich fühle, dass es mein Beitrag dazu war, dass unsere Kultur nicht verschwindet", sagt der Angeklagte. "Der 22. Juli handelt nicht von den Angehörigen." "Aber Du hast geweint, als Du Deinen eigenen Film gesehen hast."

"Ich war darauf nicht vorbereitet. Es steht für den Kampf und alles, was ich liebe." "Dann kannst Du Gefühle zeigen?"

"Mein Emotionsregister kann man vergleichen mit einem japanischen Elitesoldaten im 2. Weltkrieg. Es handelte sich um einen Angriff auf ein legitimes Ziel.

Ein "Tempelritter" war er, ein selbst ernannter Freiheitskämpfer und nun vergleicht er sich mit einem japanischen Soldaten. Breivik kann nicht Breivik sein, das gibt er selbst zu, er als Individuum hätte weder das Motiv noch die Mitleidlosigkeit aufbringen können, die Anschläge auszuüben. Aber als Auftragskiller für die nationale Sache, mit angeblichen oder herbeifantasierten Unterstützern im Rücken, ist das eine andere Sache. Alles soll er erzählen, also. Der erste, den er traf, war der Wachmann Trond Berntsen, ein frührer Polizist. Der verwickelte ihn gleich in ein Gespräch und merkte, dass irgendetwas nicht mit dem angeblichen Kollegen stimmte. "Ich graute mich sehr, war beinah paralysiert. Lass uns zum Haupthaus gehen und dort weitergehen, sagte ich. Als Monica und er vorangingen, dachte ich: Jetzt oder nie. Mein ganzer Körper stemmte sich dagegen, hundert Stimmen in meinem Kopf sagten: Tu es nicht, tu es nicht. Aber ich richtete die Pistole auf ihn. Monica schrie, nimm die Pistole herunter. Dann drückte ich ab." Als nächstes tötete er Monica Bøsei.

Panik bricht aus, Menschen laufen durcheinander, Breivik geht ruhig über die Insel und schießt und schießt. Er geht ins Kaffeehaus und erschießt "so viele wie möglich". Er wechselt die Waffe, berichtet, wie er am Boden liegenden Menschen exekutierte. "Ich wollte so viel Furcht wie möglich verbreiten, als rief ich: Heute werdet ihr sterben, Marxisten!" Dazu hörte er Musik aus dem iPod. Wie angewurzelt seien die Menschen stehengeblieben, wenn er mit seiner Waffe um sich geschossen habe, sagt er, ganz "anders als im Fernsehen."

Die Hinterbliebenen leiden

Aber nicht alle wollen sich abschlachten lassen. Ein Junge versucht, den Amokläufer anzugreifen und rennt mit erhobenen Händen auf Breivik zu. "Ich habe ihn mit meiner einen Hand abgewehrt und mit der anderen erschossen", sagt Breivik so nüchtern, als ginge es hier um die Beweisaufnahme eines Auffahrunfalls.

Nach einer Stunde unterbricht Richterin Arntzen die Verhandlung für 20 Minuten. Viele Hinterbliebene haben den Saal da bereits vorzeitig verlassen. Ihnen werden die zynischen Worte Breiviks im Ohr geklungen haben. "Ich sehe keine Möglichkeit, das Leid der Opfer zu verstehen", sagte der Angeklagte. Am Montag geht es mit seiner Vernehmung weiter, dann sind es nur noch "neun Wochen Hölle", wie ein Sprecher der Hinterbelieben sagte.

Doch die müssen die anderen überstehen. Nach einer Woche Prozess sieht es nicht danach aus, als ob Anders Behring Breivik etwas auszuhalten hätte. Leiden müssen nur die Angehörigen und Freunde der Opfer. Ein zweites Mal.